SPD-Buschkowsky: Die Türken in Berlin-Neukölln leben in einer „anderen, abgesonderten Gesellschaft“

Der SPD-Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, warnt in seinem neuen Buch vor einer „anderen Gesellschaft“, in der alle Dinge des täglichen Lebens in der Heimatsprache abgewickelt werden können und eigene Normen und verbindliche Verhaltensweisen gelten. Dies geschehe in Neukölln in der türkisch- und arabischstämmigen Bevölkerung über einen fundamentalistisch geprägten Islam.

Es sind nicht Parallelgesellschaften, geschaffen von Zuwanderern in Deutschland, vor denen sich der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), fürchtet. Es ist eine «asymmetrische Gesellschaft», die ihm Sorge bereitet. In Buschkowskys Worten: Eine Gesellschaft, in der sich einzelne Bevölkerungsteile voneinander absondern, in der es keine Bindeglieder mehr gibt, stattdessen nur noch ein «Die da» und «Wir hier».

Diese «andere Gesellschaft» hat der 66-Jährige in seinem Bezirk ausgemacht, sie ist titelgebend für sein am Dienstag (30.09.) erschienenes neues Buch. Eine andere Gesellschaft entstehe dort, wo alle Dinge des täglichen Lebens in der Heimatsprache abgewickelt werden können und zudem eigene Normen und verbindliche Verhaltensweisen entwickelt würden, schreibt Buschkowsky. Dies geschehe in Neukölln in der türkisch- und arabischstämmigen Bevölkerung über einen fundamentalistisch geprägten Islam.

Der streitbare SPD-Politiker hatte die vielen Probleme in seinem Bezirk mit hohem Ausländer- und Hartz-IV-Empfänger-Anteil bereits 2012 hinlänglich beschrieben. In seinem ersten Buch «Neukölln ist überall» kritisierte er Defizite der Integrationspolitik. Mitschuld daran seien viele Politiker, die jahrelang weggeschaut und die Probleme kleingeredet hätten, schrieb der für seine klaren Worte bekannte Bürgermeister. «Political Correctness» löse keine Probleme.

Nun lenkt Buschkowsky das öffentliche Augenmerk auf die aus seiner Sicht latente Gefahr aus «dieser anderen Gesellschaft», aus der eine echte Bedrohung für die Werteordnung unseres Landes werden könne. Als «Bunsenbrenner» diene dabei etwa die eigentlich kleine Gruppe der Salafisten. Diese radikale Richtung sieht eine «islamische Ordnung» mit islamischer Rechtsprechung (Scharia) als einzig legitime Staats- und Gesellschaftsform an.

Bekämpfen müsse man diese Gefahr mit mehr Bildung, so der Neuköllner Bürgermeister. Nur so könnten junge Menschen, eine «Hornhaut gegen fundamentalistische Heilsjünger» entwickeln. Buschkowskys Rezept: Jeder Lehrer sollte zum Berufsstart an eine Schule in einem sozialen Brennpunkt geschickt werden. Wer bleibe, müsse mehr verdienen.

Schulen sollten sich außerdem ihre Lehrer selbst aussuchen können, und der Staat sollte Familien von Schulschwänzern staatliche Leistungen kürzen. Dass der Besuch eines Kindergartens irgendwann zur Pflicht werden muss und auch wird, davon ist Buschkowsky überzeugt. Den Abgeordneten, die für das Betreuungsgeld gestimmt haben, wünscht der Sozialdemokrat, dass ihnen die Hand abfällt, die sie dafür gehoben haben.

Dem Buch lägen weit über 1500 Seiten «niedergeschriebene Lebensgeschichten und Gefühlswelten» zugrunde, erzählt Buschkowsky im Vorwort. Einen Großteil der gut 300 Seiten machen denn auch Nacherzählungen der Gespräche aus, die der Bürgermeister geführt hat. Buschkowsky hat mit Gymnasiasten, Hauptschülern und Schulabbrechern gesprochen, mit einem Intensivtäter, einer streng religiösen arabischstämmigen Familie, mit Sozialarbeitern, Eltern, ehemaligen Salafisten, zwangsverheirateten Frauen und arabischen Großclans.

Auch «biodeutsche» – also deutschstämmige Gesprächspartner – fehlen nicht. Daneben schildert Buschkowsky sehr ausführlich seine Unterhaltungen mit einem Islamwissenschaftler, der Soziologin Necla Kelek, einer Psychotherapeutin für suizidgefährdete Mädchen oder dem Vorsitzenden einer Türkisch-Islamischen Gemeinde und einem Imam.

So spannend diese Geschichten auch sein mögen, Buschkowsky verliert sich darin. Die Begründung seiner These, dass sich in Deutschland eine andere Gesellschaft entwickelt, welche Gefahr sich daraus ergibt und wie man diese bekämpfen kann, geht dabei fast unter. Man muss schon sehr aufmerksam lesen, um diesen verhältnismäßig kurzen Teil seines Buches nicht zu überlesen.

Mehr zum Thema:

Literatur gegen Buschkowsk​y-Thesen: „Neukölln ist nirgendwo“
Stimmen aus Neukölln zu Sarrazin: „Der soll erst einmal richtig Englisch lernen“
Fußball und Integration: Großes Mädchenturnier in Neukölln

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.