Türkische Energiekrise: Wasserkraft und Biomasse sollen das Ruder herumreißen

Der türkische Präsident des Südostanatolien-Projekts ist überzeugt, dass Erneuerbare Energien wie Wasserkraft, Solar und Biomasse die Energie-Bedürfnisse des Landes abdecken könnten. Bereits seit Ende der 1970er Jahre läuft das Entwicklungsprojekt GAP. Doch das hat auch verheerende Schattenseiten.

Das Südostanatolien-Projekt ist das größte regionale Entwicklungsprojekt der Türkei. Geht es nach dessen Präsidenten Sadrettin Karahocagil sind die insgesamt 22 Staudämme, 19 Wasserkraftwerke und Bewässerungsanlagen entlang der beiden Flüsse Euphrat und Tigris die Antwort auf die türkische Energiekrise. Weitreichende negative Folgen für Mensch, Tier und Natur blendet er jedoch aus.

Vor allem von der mit dem Projekt gewonnenen Wasserkraft, aber auch von der Sonnenenergie und der Biomasse könnte die gesamte Türkei profitieren, so Karahocagil. „Die Türkei hat ein ernsthaftes Energiedefizit von bis zu 600 Milliarden US-Dollar“, zitiert ihn die Nachrichtenagentur Anadolu. Das sei eine ganze Menge. Es werde Zeiten geben, in denen man keine Energie auftreiben könne. Entsprechend sei sein Projekt eine Lösung, sozusagen eine Vorbereitung auf diese Zeiten. Sein Appell: „Wir müssen sowohl Solarenergie als auch Biomasse nutzen.“

Das Projekt (Türk.: Güneydoğu Anadolu Projesi GAP) ist ein Entwicklungsprojekt, das den Lebensstandard in den ärmeren Süd-Ost-Provinzen der Türkei verbessern soll. In Angriff genommen wurde es bereits 1977. Derzeit wird sich auf die Steigerung der Produktivität und Beschäftigungsmöglichkeiten in der Region durch Wasser und Energieprojekte konzentriert. Wasserkraftwerke sind eine wichtige Energiequelle in der Region. Insgesamt wurden hier mehr als 40 Staudämme und Wasserkraftwerke gebaut und liefern 20 Milliarden Kilowatt pro Stunde. Die Nutzung von Biomasse, also biologisches Material, in der Regel Pflanzen, das in Biokraftstoff umgewandelt werden kann, hat aufgrund des hohen landwirtschaftlichen Potentials aktuell Priorität innerhalb des Projekts.

Karahocagil zufolge sollen die Bewässerungsprojekte voraussichtlich 70 Prozent des gesamten Bewässerungsgebietes abdecken. Was einem Drittel der gesamten landwirtschaftlichen Fläche entspräche. Durch Biomasse könnte die Produktivität noch einmal deutlich gesteigert werden. Nun biete GAP den Landwirten Machbarkeitsstudien und technische Unterstützung an. Zudem sei ein Zuschussprogramm in Vorbereitung, um diese für Biomasse zu gewinnen.

Um die Verwendung von erneuerbaren Ressourcen zu erhöhen, hat das United Nations Development Program und GAP bereits 2012 ein gemeinsames Projekt gestartet, um den Einsatz von Erneuerbaren bei Strom und Wärme auszubauen und die Energieeffizienz zu steigern. GAP finanziert das Projekt mit 9,8 Millionen Türkischem Lira (4,3 Millionen Euro), die leistete technische Unterstützung.

Das GAP hat jedoch auch Schattenseiten wie etwa den Ilisu-Staudamm. Das 1,2 Milliarden-Euro teure Bauwerk ist Teil des türkischen Südostanatolien-Projekts. Im Rahmen dessen soll der Tigris kurz vor der Grenze zu Syrien und dem Irak im Südosten des Landes wie eine riesige Badewanne aufgestaut werden. Trotz zahlreicher Proteste hat die Türkei Anfang August 2006 mit dem Bau des Staudamms begonnen. Der Ilisu-Staudamm in der Türkei wird nicht nur den Strom für viele Haushalte des Landes liefern. Seine Existenz wird auch dazu führen, dass Dutzende Städte in den Fluten des Tigris versinken werden. Mittlerweile scheint die finale Umsetzung kaum mehr zu verhindern (mehr hier).

Unter den bedrohten Ortschaften befindet sich unter anderem auch die 12.000 Jahre alte antike Stadtfestung Hasankeyf in der türkischen Provinz Batman, so National Geographic. Der Damm drohe außerdem die mesopotamischen Sümpfe im Irak, rund 1.609 Kilometer stromabwärts, auszutrocknen. Sowohl das Leben von Mensch und Tier sei in dieser Region von der Sumpflandschaft abhängig.

Katastrophal gestaltete sich auch die Umsetzung des drittgrößten Staudamms der Welt, des Atatürk Staudamms:

Bereits Anfang 2013 hatte der türkische Energieminister Taner Yıldız eingeräumt, dass einige Wasserkraftwerke des Landes die hiesige Umwelt geschädigt haben. Vollends die Verantwortung dafür übernehmen, will die türkische Regierung aber offenbar nicht. Der Minister schob den schwarzen Peter den Vertragspartnern und ihrem „rüpelhaften Ansatz“ zu. Etwa zu jener Zeit, nämlich im Januar 2013, verhängte das Oberste Verwaltungsgericht des Landes dann aber doch einen Baustopp für den Ilisu-Staudamm aufgrund fehlender Umweltauflagen.

Der Bau von Wasserkraftwerken stößt in der Türkei bereits seit langem auf Widerstand bei den betroffenen Einheimischen als auch bei internationalen Umweltschützern (mehr hier). Viele von ihnen wurden inzwischen trotz vehementen Protestes gebaut. In einigen Fällen kam es sogar zu unverhältnismäßiger Gewalt durch die türkische Polizei, was schließlich zu weiteren Kontroversen führte. Doch auch hier war Energieminister Yıldız nicht um eine Antwort verlegen. Er wünschte sich eine feine Unterscheidung zwischen Demonstranten und manipulativen Umweltschützern, die seiner Ansicht nach nur den Fortschritt der Türkei aufhalten möchten.

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