Der Bart muss ab: Türkische Männer fürchten Verwechslung mit Islamisten

Die jüngsten Unruhen im Südosten der Türkei haben dem Berufsstand der Herrenfriseure unverhofften Zulauf beschert. Aus Angst, mit einem Islamisten verwechselt zu werden, lassen sich Männer in der Region offenbar vermehrt den Bart entfernen. Übergriffe aufgrund von falschen Verdächtigungen gab es bereits.

Herrenfriseure im südtürkischen Diyarbakır haben derzeit offenbar alle Hände voll zu tun. Vermehrt kommen Kunden, die ihren Bart entfernt haben möchten. Ihr Anliegen hat keinen modischen Hintergrund, sondern ist pure Angst. Sie fürchten, von ihrer Umgebung für Dschihadisten gehalten zu werden.

Der rege Zulauf bei den Barbieren hat eine blutige Vorgeschichte. Die türkischen Proteste gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) forderten in der vergangenen Woche fast 40 Tote und unzählige Verwundete. Die meisten Todesopfer hatte die südtürkische Provinz Diyarbakır zu beklagen. Dort trafen Unterstützer der Terrororganisation PKK auf Hisbollah-Mitglieder, die angeblich mit dem IS sympathisieren.

Nachdem bereits mehrere Menschen von einem Mob angegriffen worden sein sollen, weil sie wegen ihrer Bärte für IS-Anhänger gehalten wurden, seien mittlerweile Hunderte Männer in die Friseurstuben gestürmt. Das berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.

Friseure, die mit der türkischen Nachrichtenagentur İHA gesprochen hätten, sagten, dass an einigen Tagen bis zu 15 Männer in ihre Geschäfte kämen, um ihren potentiell Ärger bringenden Bart los zu werden. „Einige Bürger, die nichts mit ISIL oder Hisbollah zu tun haben, wurden während der Protest aufgrund ihrer Bärte bereits Opfer. Eine ähnliche Entwicklung sahen wir in den 1990er Jahren“, so İsmail K., ein Friseur aus dem Stadtteil Sur. Seine Kunden würden ihre Haarpracht entweder ganz entfernt haben wollen oder diesen massiv umgestalten lassen. Yakup B., ein Kollege aus Yenişehir, macht noch einmal deutlich, wie massiv der Zuwachs gerade sei. Normalerweise käme so etwas drei bis viermal am Tag vor. Er mache diese Arbeit bereits seit 15 Jahren und wäre noch nie derart mit dem Rasieren beschäftigt gewesen.

Auch in Europa müssen Muslime mit Bart Vorsicht walten lassen. Wie die AG Friedensforschung berichtet, herrschten auch hierzulande negative Stereotypen oder Vorurteile insbesondere in Bildung und Beschäftigung, mit denen Muslime im Alltag zu kämpfen hätten. Mit Bezug auf einen Bericht von Amnesty International (AI) heißt es hierzu: „Männer müssten eines islamisch anmutenden Bartes wegen mit der Entlassung rechnen. (…) Die alten Vorurteile und Reflexe funktionieren prächtig hierzulande, wenn etwa das Bild der Muslime auf missionierende Salafisten verengt oder Diskriminierung im Alltag und Arbeitsleben schon durch einen Namen, einen Bart oder ein Kopftuch ausgelöst wird.“

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte 2012 mehrere EU-Länder für die Diskriminierung von Muslimen. Oft seien es vor allem Politiker, die den Islam als Wahlkampfthema nutzen, anstatt Vorurteile abzubauen. Im Fokus des Berichts stehen Belgien, Frankreich, die Niederlande, Spanien und die Schweiz (mehr hier).

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