Überwachungsstaat im Fußball-Stadium: Türkische Regierung kennt den Namen jedes Fans

Die neu eingeführten E-Tickets lassen türkische Fußball-Stadien zusehends verwaisen. Das von der Regierung implementierte System hat das Misstrauen der Fans geschürt. Sie fürchten um ihre persönlichen Daten, denn die Tickets können nur per Bankkarte erworben werden.

Vor gut einem Jahr waren türkische Fußballstadien noch gut gefüllt. Heute sieht das oftmals ganz anders aus. Die Begegnungen finden vor rar besetzten Rängen statt. Die Fans boykottieren die Spiele. Die Gründe hierfür liegen nicht etwa in den Leistungen der einzelnen Clubs oder in vermeintlichen Rivalitäten. Schuld ist das neue E-Ticket-System der türkischen Regierung.

Das in dieser Saison eingeführte Ticket-Prozedere hat das Misstrauen unter den türkischen Fußballfans geweckt. Jeder, der ein Spiel besuche, sei nun verpflichtet, sich durch die Vorlage persönlicher Daten für eine Kreditkarte registrieren zu lassenauch Kinder und Touristen, berichtet CSMonitor.

Wer in der Türkei an einem Fußballspiel der zwei Top-Ligen teilnehmen will, muss seine PassoligKreditkarte mit 15 bis 20 Türkischen Lira (6.50 bis 9 US-Dollar) aufladen, die dann für Einkäufe auch für eine Reihe von nicht mit Fußball verbundenen Dienstleistungen verwendet werden können. Betrieben wird das System exklusiv von der türkischen Aktif Bank. Aktif hat keine kommerzielle Banklizenz von der türkischen Bankenaufsicht, Kritiker haben das System als Hintertür bezeichnet, damit das Institut so doch Kreditdienstleistungen anbieten könne.

Die Behörden schieben hier Sicherheitsaspekte vor. Das Ziel sei, die Gewalt in türkischen Fußballstadien zu reduzieren. Immerhin, ein seit langem ernsthaftes Problem in der hiesigen Fußballszene (mehr hier). Die Fans glaube das allerdings nicht. Ihrer Ansicht nach sei das so genannte „Passolig“-System ein Versuch der verdeckten Überwachung durch die türkische Regierung und gleichzeitig ein Schritt, um schärfer gegen Andersdenkende vorgehen zu können, so das Blatt weiter.

Wie scharf Ankara sich gegen Demonstranten zur Wehr setzt, konnten sie im vergangenen und auch in diesem Jahr gleich mehrfach beobachten. Erst vor wenigen Tagen kündigte Premier Ahmet Davutoğlu schärfere Maßnahmen an, um Gewalt und Vandalismus auf den Straßen des Landes Einhalt zu gebieten. Hierzu soll offenbar die Position der Sicherheitskräfte gestärkt werden (mehr hier).

Während der Proteste im vergangenen Jahr spielten auch Fußballfans eine nicht unwichtige Rolle. Im September dieses Jahres wurden zum Beispiel 35 Mitglieder des Beşiktaş-Fanclub „Carsi“ wegen „versuchten Umsturzes der Regierung“ angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft den Fans vor, sie hätten die Demonstrationen zum Schutz des Istanbuler Gezi-Parkes nur als Vorwand genutzt. In Wahrheit sei es ihnen darum gegangen, Chaos zu stiften und die Regierung zu stürzen. Ihnen allen drohen nun langjährige Haftstrafen. Sie bestreiten die Vorwürfe (mehr hier). Nicht zuletzt sind es Vorgänge wie diese, die das Misstrauen der Fußballfans weiter anheizen.

Im vergangenen Jahr haben sich regierungsfeindliche Parolen während der Fußballspiele weit verbreitet. Ganz zum Unmut von AKP-Funktionären, die sich deren Ausmerzung zur Aufgabe gemacht haben. Die Fußballfans fürchten nun, dass das neue System auch dazu verwendet werden könnte, um Personen zu brandmarken – allein aufgrund ihrer Regierungskritik. Von offizieller Seite hört sich das jedoch ganz anders an: „Der Hauptzweck des [Passolig]-Systems ist, Zuschauer am Eindringen in Stadien zu hindern, die auf der schwarzen Liste für sportbezogene Straftaten stehen“, sagt Kemal Hacioglu,  offizieller Koordinator des E-Ticketing-Systems beim Türksichen Fußball-Bund.

Abgesegnet wurde das E-Ticket-System bereits 2011. Doch die Rufe, dieses doch nicht umzusetzen, wurden zuletzt immer lauter. Die türkischen Fußballfans, so scheint es, stehen unter Generalverdacht. „Alle Familienmitglieder, die uns, wenn auch nur für ein einziges Spiel begleiten wollen, müssen sich zu Sklaven dieses Systems machen, das die Regierung eingeführt hat“, zitiert CSMonitor den türkischen Anwalt und Besiktas-Fan Batuhan A. Er und seine Freunde besuchen seit Einführung der neuen Eintrittskarten kein Spiel mehr. Und damit sind sie nicht allein: Die leeren Ränge, selbst bei Top-Mannschaften, hätten im Land in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen gesorgt, heißt es weiter. Bestes Beispiel: Die Begegnung Besiktas gegen Eskisehir Anfang Oktober. 82.000 Besuher kann das Atatürk Olympiastadion fassen. Gekommen waren gerade einmal 3000. Vergangenes Jahr lockten solche Heimspiele immerhin 20.000 Fans auf die Ränge. Auch Galatasaray ergeht es nicht besser. 2013 kamen durchschnittlich 32.000 Menschen. Jetzt ist es nur noch ein Drittel.

Die Clubs nahmen die Neuregelung stillschweigend hin. Anders jedoch Fenerbahce: Der Verein war bislang außen vor und hatte argumentiert, sein eigenes E-Ticketing-System unabhängig von Passolig geschaffen zu haben. Ende September schloss man sich nun aber ebenfalls an, so die Daily Sabah.

Unterdessen suchte der türkische Finanzminister Mehmet Simsek das neue System beim jüngsten Weltwirtschaftsforum zu verteidigen. Damit würde der Schwarzmarkt eingedämmt und die Steuereinnahmen würden steigen. Systeme wie diese würde es weltweit geben und wären auch praktikabel. Die Clubs in der Türkei sehen das jedoch anders. Sie alle seien negativ betroffen, so der Sportökonom Tugrul Aksar. Die Zuschauerzahlen seien rapide gesunken. Viele Vereine müssten drastische Einnahmeneinbußen hinnehmen.

Ein Geschäft scheint es hingegen auch nicht für die Passolig-Betreiber zu werden. Wie Özgür Gündogan, General Manager der Passolig, dem Christian Science Monitor mitteilte, werde man bis Ende des Jahres wohl gut eine Million Karteninhaber haben. Bislang seien es allerdings erst 400.000. Profitabel wäre das Ganze erst bei vier Millionen. Gündogan kann die Angst vor Überwachung nicht nachvollziehen. Die müsste dann jeder haben, der eine Kreditkarte oder ein Handy besitze. Dafür brauche die Regierung Passolig nicht.

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