Türkischer Kulturminister verbietet Liebesszenen in Goethe-Theaterstück

Die türkischen Behörden sind frivole Aussagen großer deutscher Dichter offenbar ein Dorn im Auge. Nun wurde die Premiere eines Theaterstücks über Johann Wolfgang von Goethe abgesagt, der Direktor warf das Handtuch. Der Grund: Sätze wie „Ich will mit Dir schlafen!“ waren dem Kulturministerium zu unanständig.

Die Premiere eines Theaterstücks über das Leben des deutschen Dichterfürsten und Dramatikers Johann Wolfgang von Goethe am Istanbuler Staatstheater wurde abgesagt. Offenbar hat es eine Kontroverse über einen Versuch des türkischen Kulturministeriums gegeben, das Stück zu zensieren. Das Ministerium soll dazu aufgefordert haben, bestimmte Passagen zu entfernen, die als „unflätig und erotisch“ erachtet wurden.

Der türkischen Zeitung Hürriyet zufolge soll das Kulturministerium das Original-Skript der Inszenierung des Istanbuler Staatstheaters eingesehen haben. Einige Abschnitte in „Güneş Batarken Bile Büyük“ sollen den Mitarbeitern dabei als zu anzüglich aufgefallen sein.

Erzählt wird darin die Geschichte von Goethes Ehe mit einer Arbeiterfrau aus einer unteren Schicht. Doch einige Sätze wie „Ich will mit Dir schlafen“ oder „Ich werde stöhnen wie ein Kaninchen“ scheinen nach Ansicht der türkischen Behörde nicht für die Ohren des hiesigen Publikums geeignet zu sein. Auch die türkische Zeitung meint: „Offenbar ist die Vorstellung von Erwachsenen, die beabsichtigen Sex zu haben und es zu genießen, einfach zu viel für das Kulturministerium, das das Staatstheater Istanbul nun aufgefordert hat, alle Passagen mit solchen Inhalten zu entfernen.“

Obendrein soll das Ministerium Theaterdirektor Mustafa Kurt dazu aufgefordert haben, die Premiere zu verschieben. Der Grund: Im Vorfeld sollten wohl Beamte der Behörde das Stück begutachten und sicherstellen, dass die Änderungen auch tatsächlich vorgenommen wurden. Diese Forderung habe Kurt jedoch zu drastischen Maßnahmen veranlasst. Er bot Kulturminister Ömer Çelik am Dienstag seinen Rücktritt an, so die Sabah. Beendet war der Schlagabtausch damit jedoch nicht: Darauf hin sei ihm vorgeworfen worden, mit diesem Schachzug ein bestimmtes Bild aufrechterhalten zu wollen. Nämlich von einem Theaterdirektor, der sich der Zensur widersetze. Dabei sei es ein Leichtes, ihn aufgrund interner Untersuchungen abzusetzen, beschreibt die Hürriyet eine offenbar laut gewordene Drohung. Kurts Fall ist am Mittwoch vom Istnaubler CHP-Abgeordneten Umut Oran ins Parlament getragen worden, so türkische Medien.

Kurt wurde zum Generaldirektor des Staatstheaters ernannt, nachdem Lemi Bilgin im Jahr 2013 von diesem Posten entfernt wurde.

Wie von Vertretern des Theaters berichtet wurde, habe es ähnliche Aktionen in der Vergangenheit auch bei einem türkischen Stück gegeben. Damals habe die Geschichte von einer Theatertruppe gehandelt, die versucht, ihre Arbeit während des Kosovo-Krieges fortzuführen.

Die türkische Regierung versucht seit langem, Staatstheater und Opern in der Türkei zu privatisieren (mehr hier). Dennoch will man die Kontrolle behalten. Denn: Künftig sollen die Häuser unter die alleinige Leitung eines elfköpfigen Gremiums gestellt werden – bestellt von der AKP. Dieses soll nach dem Willen Ankaras jedes Vorrecht in Bezug auf die Wahl der Theater, Kinos, Ballettproduktionen oder Opernstücke haben, die vom Staat finanziert werden. Der besondere Dreh: Künstler, deren Projekte einmal abgelehnt wurden, dürfen in den folgenden drei Jahren keinen weiteren Vorschlag einreichen.

Auch der international gefeierte türkische Komponist Fazıl Say ist gegen die Privatisierungspläne der AKP-Regierung. „Ich kann nicht verstehen, wie in einem Land, in dem es wirtschaftlich aufwärts geht, den Theatern und Opern die Schließung drohen kann. Die staatlichen Zuschüsse stellen ohnehin relativ kleine finanzielle Belastungen dar“, so Say in einem Artikel in der Zeitung Radikal. Keine Oper sei im Stande, ihre Betriebskosten alleine durch den Ticketverkauf zu finanzieren. In Europa würden zahlreiche Theater und Opern ohne staatliche Bezuschussung vor die Hunde gehen, erklärt Say.

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