Fazıl Say: Türkei streicht sein Werk aus dem Orchester-Programm

Neuer Schlag gegen einen der prominentesten klassischen Künstler und auch Regierungskritiker der Türkei: Das staatliche Orchester in Ankara hat zwei Stücke des Starpianisten Fazıl Say aus dem Programm genommen. Den Grund für das Vorgehen des Kulturministeriums kennt er nicht.

Das türkische Kulturministerium hat Kompositionen des Starpianisten und Regierungskritikers Fazıl Say aus dem staatlichen Orchester-Jahresprogramm gestrichen. Das bestätigte der türkische Weltstar am Montag über Twitter. Dort fragte er zugleich nach der Begründung dafür, warum seine Stücke entfernt worden seien. «Was ist der Grund?»

Die Zeitung «Radikal» berichtete unter Berufung auf eine Kulturwebseite, das «Präsidiale Symphonieorchester» habe zwei Stücke Says spielen sollen. Das Ministerium habe dem Orchester aber nahegelegt, das geplante Programm zu ändern.

Fazıl Say gehört zu den bekanntesten Pianisten und Komponisten der Türkei. Er ist ein Kritiker der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP. Im Sommer des vergangenen Jahres hatte er das harte Vorgehen der Polizei gegen Gezi-Demonstranten verurteilt. Ebenfalls im vergangenen Jahr bestätigte ein Berufungsgericht eine Bewährungsstrafe gegen Say wegen Beleidigung des Islams. Er hatte angeblich islamkritische Twitter-Nachrichten gesendet (mehr hier).

Radikal-Kommentator Cem Erciyes bezeichnete das türkische Kulturministerium in einem Beitrag an diesem Dienstag als „Big Brother“. Das Vorgehen gegen Say einer der größten Zensur-Skandale der vergangenen Jahre.

Erst kürzlich mischte sich das Ministerium auch in ein Theaterstück über das Leben des deutschen Dichterfürsten und Dramatikers Johann Wolfgang von Goethe am Istanbuler Staatstheater ein. Die Premiere wurde darauf hin abgesagt, der Theaterdirektor trat zurück.  Das Ministerium soll dazu aufgefordert haben, bestimmte Passagen zu entfernen, die als „unflätig und erotisch“ erachtet wurden (mehr hier).

Die türkische Regierung versucht seit langem, Staatstheater und Opern in der Türkei zu privatisieren (mehr hier). Dennoch will man die Kontrolle behalten. Denn: Künftig sollen die Häuser unter die alleinige Leitung eines elfköpfigen Gremiums gestellt werden – bestellt von der AKP. Dieses soll nach dem Willen Ankaras jedes Vorrecht in Bezug auf die Wahl der Theater, Kinos, Ballettproduktionen oder Opernstücke haben, die vom Staat finanziert werden. Der besondere Dreh: Künstler, deren Projekte einmal abgelehnt wurden, dürfen in den folgenden drei Jahren keinen weiteren Vorschlag einreichen.

Auch der international gefeierte türkische Komponist Fazıl Say ist gegen die Privatisierungspläne der AKP-Regierung. „Ich kann nicht verstehen, wie in einem Land, in dem es wirtschaftlich aufwärts geht, den Theatern und Opern die Schließung drohen kann. Die staatlichen Zuschüsse stellen ohnehin relativ kleine finanzielle Belastungen dar“, so Say in einem Artikel in der Zeitung Radikal. Keine Oper sei im Stande, ihre Betriebskosten alleine durch den Ticketverkauf zu finanzieren. In Europa würden zahlreiche Theater und Opern ohne staatliche Bezuschussung vor die Hunde gehen, erklärt Say.

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