Weltbank-Landeschef: Türkei muss ihre ökonomischen Stärken nicht verstecken

Nach Ansicht des türkischen Weltbank-Landeschefs dürfe die Türkei zumindest aus wirtschaftlicher Sicht deutlich selbstbewusster auftreten. Gleich eine ganze Reihe von Vorteilen machten das Land für Investoren attraktiv. Diese gelte es nun auch in tatsächliche Gewinne zu verwandeln.

Nach Ansicht von Weltbank-Landeschef Martin Raiser verfügt die Türkei gleich über mehrere handfeste Standortvorteile. Die Bevölkerung sei jung, das Land habe ein hohes Wachstumspotential und vor allem eine florierende Unternehmenskultur. In Anbetracht dessen sollte die Türkei weniger bescheiden auftreten, wenn es um Segmente gehe, in denen das Land überlegen sei.

Die Türkei ist in einer viel günstigeren Lage als seine Nachbarn. Eine ganze Reihe von Eigenschaften der Türkei machen sie sehr attraktiv und stark“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet Raiser. „Zunächst einmal hat sie eine sehr junge Bevölkerung und ein hohes Wachstumspotenzial. Die Infrastruktur ist auch recht robust, das alles macht die  Türkei zu einem der Top-30-Länder im Weltbank Logistik-Index.“ Lobend hebt Raiser zudem die unternehmerische Kultur und den Finanzsektor hervor. Natürlich gebe es auch andere Länder, die diese Eigenschaften aufwiesen, so der deutsche Ökonom, der seit drei Jahren als Türkei-Direktor der Weltbank tätig ist. Dennoch solle das Land nicht so bescheiden auftreten.

Raiser lobte in diesem Zusammenhang auch die türkischen Exporteure für ihre Flexibilität inmitten der sich verändernden internationalen Situation in den vergangenen Jahren. „Als sich die Zeichen für eine Konjunkturabschwächung in Europa vor ein paar Jahren mehrten, haben sich die türkischen Exporteure, um ihre Waren zu verkaufen, auf Länder im Nahen Osten konzentriert. In Anbetracht der Zusammenstöße im Nahen Osten wenden sie sich nun wieder Europa zu. Die Türkei könne sich sehr glücklich schätzen, dass es über so flexible Exporteure verfüge, die ihre Exportmärkte in derart schwankenden Zeiten so schnell verschieben könnten. Um die Exporte zu erhöhen, wäre nun allerdings eine Konzentration auf eine wertigere Produktion erforderlich.

Entscheidend für die Türkei sei es außerdem, alle diese Standortvorteile nun auch in bare Münze zu verwandeln, so Raiser. Dies sei jedoch nur möglich, indem man mehr Direktinvestitionen anziehe. Entsprechend sorgenvoll blickt er auch auf die stagnierenden Zahlen auf diesem Gebiet. „Sowohl ausländische als auch inländische Direktinvestitionen in der Türkei waren in den letzten sechs Quartalen rückläufig mit Ausnahme des letzten Quartals des vergangenen Jahres. Es ist jedoch möglich, dass die Türkei das Vertrauen der Direktinvestoren stärkt, indem sie sofortige Strukturreformen durchführt, sagt Raiser. die schnellstmögliche Realisierung eines solchen Reformpakets sei für das Land von außerordentlicher Bedeutung. Denn eine hohe Binnennachfrage und billige Liquidität würden nicht ausreichen, um ein nachhaltiges Wachstum zu erzeugen.

Erst im Frühjahr hatte Raiser einen Artikel mit dem Namen „Vom Handel zu hohen Einkommen: Neue Firmen, Neue Produkte, Neue Märkte“ aufgesetzt. Das Wachstum, so legt er darin dar, wäre sogar höher ausgefallen, wenn das Land aus einer größeren Produktvielfalt hätte schöpfen können. Während man vom niedrigen auf mittlerer Wachstumsebene aufgestiegen sei, sei man nicht auf den am schnellsten wachsenden Märkten präsent gewesen. Der Türkei rät der in Kiel studierte Raiser weiterhin in hochwertigere und schneller wachsende Märkte einzusteigen. Zudem müssten sich mehr Unternehmen am Exportmarkt beteiligen (mehr hier).

Vor kurzem zeigte Raiser zudem Fehler in der türkisch–europäischen Zollunion auf. Laut Raiser ist es für den türkischen Anpassungsprozess unumgänglich ein Mitspracherecht bei Entscheidungsprozessen der EU, die Zollunion betreffend, zu haben, berichtet die Wirtschaftskammer Österreich. Die vielen Freihandelsabkommen der EU machten es demnach für die Partner möglich, ihre Güter zollfrei in den europäischen, und damit den türkischen, Markt einzuführen. Allerdings seien der Türkei aufgrund fehlender Freihandelsabkommen dieselben Möglichkeiten verwehrt. Beispielsweise weigerten sich Ägypten, Südafrika oder Algerien Freihandelsabkommen mit der Türkei zu schließen. Dem Weltbank-Landeschef zufolge sei es der beste Weg für die Türkei den Beitritt zur EU zu beschleunigen um Asymmetrien auszugleichen. Auf das Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) blickt er mit Sorge. Dieses könnte für die Türkei zu großen Verlusten führen (mehr hier).

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