Türkischer Arbeitsmarkt: Ankara will Ausbeutung von Flüchtlingen einen Riegel vorschieben

Die Türkei denkt derzeit offenbar über neue Gesetze nach, um Tausende syrische Flüchtlingen aus der Schwarzarbeit zu holen. Analysten begrüßen diesen Schritt. Sie hoffen, dass die Maßnahmen helfen, die Ausbeutung und gleichzeitig Ängste innerhalb der türkischen Gesellschaft einzudämmen.

Angekündigt wurden die Gesetzesüberarbeitungen vom türkischen Arbeitsminister Faruk Celik. Ihm zufolge wolle die Regierung nicht nur die Vergabe von Arbeitsgenehmigungen überarbeiten, sondern Hunderttausenden syrischen Flüchtlingen auch Personalausweise ausstellen. Auf diese Weise sollen sie am türkischen Beschäftigungs- und Sozialsystem partizipieren können.

Ob diese Maßnahmen bei der türkischen Bevölkerung Anklang finden, scheint jedoch fraglich. Wie eine in dieser Woche veröffentlichte Studie der Hacettepe Universität in Ankara zeigt, sind fast 48 Prozent der türkischen Befragten völlig gegen eine Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge. Fast 30 Prozent befürworten zwar eine temporäre Arbeitserlaubnis für befristete Arbeitsplätze, doch mehr als die Hälfte der Befragten, nämlich 56 Prozent, glauben, dass die Syrer ihnen die Arbeitsplätze wegnähmen. Diese Zahl springt auf fast 70 Prozent im türkischen Südosten, wo sich die meisten Flüchtlinge befinden, berichtet das Nachrichtenportal Worldbulletin.

Nach Angaben des Uni-Reports befinden sich mit Stand Oktober 2014 mehr als 1,5 syrische Flüchtlinge in der Türkei. 1,4 Millionen von ihnen leben außerhalb der Flüchtlingscamps. Dem türkischen Innenministerium zufolge befinden sich derzeit in 72 der 81 türkischen Provinzen syrische Flüchtlinge. Entsprechend viele laufen Gefahr, in den Strudel der Schwarzarbeit zu geraten. Zwar ist der Aufenthalt der Syrer in der Türkei nur temporär gedacht, doch je länger sie sich hier aufhalten, desto drängender werden Maßnahmen, um ihren juristischen Status in der Türkei zu klären.

Analysten zufolge bestünde einer der signifikantesten Vorteile in einer überarbeiteten Gesetzgebung darin, dass eben jene Arbeiter ohne Papiere dem Status der Schwarzarbeit entkommen könnten. Auf diese Weise verbessere sich zudem der Integrationsprozess in die türkische Gesellschaft (mehr hier).

Piril Ercoban vom türkischen Solidarverband für Flüchtlinge (Multeci-Der) zufolge verhindere man auf diesem Weg vor allem das Lohndumping unter Flüchtlingen und deren Ausbeutung. „Diese Leute arbeiten für Löhne die weit unter dem Mindestlohn in der Türkei liegen, abgesehen von dem Problem der Kinderarbeit“, so Ercoban. Die minimale monatliche Mindestlohn für einen einzelnen Arbeiter in der Türkei liegt bei etwa 891 Lira, umgerechnet etwa 400 Dollar

Normalerweise können Flüchtlinge in der Türkei nach sechs Monaten Aufenthalt eine Arbeitserlaubnis beantragen. Dies könnte künftig gelockert oder sogar ganz abgeschafft werden. Die meisten syrischen Flüchtlinge werden voraussichtlich mehr als vier Jahre in der Türkei verbringen. Nach zehn oder gar 15 Jahren stellt sich für viele dann tatsächlich die Frage, ob sie überhaupt wieder nach Syrien zurückkehrten, so Ercoban. Entsprechend sollten auch Strategien entwickelt werden, um diese nachhaltig in die türkische Gesellschaft zu integrieren.

Die Fachfrau ist sich bewusst, dass gelockerte Modalitäten für eine Arbeitserlaubnis erneut zu Protesten vor allem im Südosten des Landes führen könnten. Mittel- und langfristig würden sie seiner Ansicht nach jedoch dazu beitragen, sozialen Frieden und eine sichere Integration zu schaffen. „Diese Leute [Flüchtlinge] arbeiten bereits, weil sie müssen. Das bedeutet, der Markt braucht diese Arbeitskräfte in gewisser Weise. Mit besseren Arbeitsbedingungen und sozialen Sicherheiten erwarten wir, dass die Probleme, die zu Spannungen mit der lokalen Bevölkerung führten, überwunden werden.“ (mehr hier).

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