Umwelthauptstadt Europas: Istanbul bewirbt sich um EU-Auszeichnung 2017

Den Zugschlag für die Olympischen Spiele 2020 hat Istanbul knapp verpasst. Jetzt will sich die Bosporus-Metropole einen anderen Titel holen und Umwelthauptstadt Europas 2017 werden. Der Plan ist kühn. Nicht zuletzt die Gezi Park-Proteste 2013 hatten gezeigt, dass hier mit der Natur nicht gerade zimperlich umgegangen wird.

Die Istanbuler Metropolverwaltung scheint überzeugt von der eigenen Umweltpolitik. Trotz zahlreicher Aufschreie von Aktivisten in Anbetracht gigantischer Projekte, die zur massiven Abholzung in der Stadt führten, versucht man jetzt einen einschlägigen Titel zu holen. Istanbul soll Umwelthauptstadt Europas 2017 werden.

Die Millionenstadt konkurriert beim European Green Capital Award mit elf anderen Metropolen weltweit. Unter ihnen etwa die türkische Stadt Bursa, Lissabon, Porto, Cork und Nijmegen sowie Essen, heißt es in einer Mitteilung der Europäischen Kommission. „Der European Green Capital Award ist ein Gütesiegel für die Wertschätzung der Städte für ihre Umwelt“, so Umweltkommissar Janez Potočnik. Der Wettbewerb befinde sich bereits im achten Jahr. Gewürdigt werden der EU-Kommission zufolge eine „vorbildliche Stadtplanung bei Umweltstandards, nachhaltiger Wirtschaft und Verbesserung der Lebensqualität“.

Bewerben können sich Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern in den EU-Mitgliedsstaaten, der Schweiz, Liechtenstein, Norwegen sowie in den Beitrittskandidaten Mazedonien, Island, Serbien, Montenegro und Türkei, heißt es in der Ausschreibung. Bewerbungsschluss war der 20. Oktober 2014. Bewertet werden die zwölf Städte nun von einer Fachjury auf Basis von insgeamt zwölf Indikatoren. Darunter finden sich Aspekte wie etwa der Umgang mit dem Klimawandel, Verkehrspolitik, Lärmemissionen, Biodiversität oder Wasser- und Abwassermanagement. Eine Liste von Finalisten wird voraussichtlich im April 2015 bekannt gegeben, die Gewinnerstadt dann im Juni 2015.

Die Gründe für die Auslobung des Awards liegen in der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung begründet. Urbane Lebensräume, so die Kommission, stellten die Umweltpolitik vor viele Herausforderungen. Zwei Drittel der EU-Bürger würden in Städten wohnen, im Jahr 2020 seien es etwa 80 Prozent. Wegen der hohen Bevölkerungsdichte würden diese Räume aber nicht nur Probleme bei der Nutzung knapper natürlicher Ressourcen bergen, sondern auch großes Einsparpotenzial beim Energieverbrauch und der Entwicklung einer CO2-neutralen Wirtschaft.

Die Bewerbung Istanbuls kommt jedoch zu einem äußerst sensiblen Zeitpunkt. Umweltverbände protestieren derzeit unter anderem gegen eine dritte Bosporus-Brücke (mehr hier) und einen dritten Flughafen (mehr hier) für die Stadt. Beide Vorhaben würden zur Abholzung von Millionen Bäumen führen. Auch die landesweiten Gezi Park Proteste im vergangenen Jahr wurden durch kühne Abriss- und Bebauungspläne für den Gezi-Park entzündet (mehr hier). Erst kürzlich schritt die Polizei erneut ein und stellte sich gegen Demonstranten in Acıbadem, die sich gegen den Moschee-Bau in Validebağ aussprachen. Dieser schreitet derzeit offenbar voran, obwohl ein Gericht einen Baustopp verhängt hat, so die Hürriyet weiter.

Nach Angaben der britischen Beratungsfirma World Cities Culture Forum liege das Verhältnis von Park und Grünflächen in Ballungsraum Istanbul bei lediglich 1,5 Prozent. Dieser Wert liege weit hinter den europäischen Hauptstädten wie London (38,4 Prozent), Paris (9,40 Prozent) und Berlin (14,4 Prozent). Er sei auch niedriger im Vergleich zu anderen Metropolen, wie Shanghai (2,6 Prozent), Mumbai (2,5 Prozent) oder Seoul (2,3 Prozent).

Istanbul hat unter dem Credo der urbanen Transformation in den vergangenen Jahren einen wahren Bauboom vor allem bei den Wohnanlagen erlebt. Umweltschützer sind besorgt, dass Großprojekte wie eine dritte Brücke, der dritte Flughafen oder der Canal Istanbul nun zur Zerstörung der wenigen Istanbuler Grünflächen führen wird.

Istanbuls Bürgermeister Kadir Topbaş sieht in den Bauvorhaben jedoch kein Problem. In einem Interview mit Privatsender CNN Türk betonte er sogar die „Notwendigkeit einiger Opfer“. In diesem Gebieten gebe es keine hohen Bäume, sondern eher Haine. Außerdem würden später ja neue Bäume angepflanzt werden. Schon jetzt hätte man Millionen Bäume gepflanzt. Man müsse sich nur einmal alte Filme betrachten und ansehen, wie die Stadt früher gestaltet gewesen wäre.

Der Titel Umwelthauptstadt Europas wird derzeit von Kopenhagen gehalten. 2015 geht der Award an Bristol, im Jahr darauf ist dann die slowenische Hauptstadt Ljubljana an der Reihe.

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