Türkische Jugend ohne Zukunft: Jeder Dritte geht weder zur Arbeit noch in die Schule

Ein Drittel der 11,7 Millionen jungen Menschen in der Türkei befindet sich auf dem gesellschaftlichen Abstellgleis. Sie sind entweder arbeitslos oder gehen nicht zur Schule. Ein Seitenhieb für ein ökonomisch aufstrebendes Land, das vor allem auf die Schlagkraft seiner jungen Bevölkerung setzt.

Während die Jugendarbeitslosigkeit vor allem in der Europäischen Union rasant steigt, sind die Sorgen in der Türkei gleich doppelter Natur: Hier geht es nicht nur um den Zugang zu Beschäftigung, sondern auch um den Zugang zu Bildung.

Derzeit schlagen gleich mehrere Institutionen Alarm: So zeigen etwa Daten der Brüsseler Behörde Eurostat, dass sich die Beschäftigung von Jugendlichen in Europa, vor allem in den Mittelmeerländern, auf einem atemberaubend niedrigen Niveau befindet. Auch das Türkische Statistik Institut (TUIK) weist auch darauf hin, dass junge Menschen in der Türkei erhebliche Probleme beim Zugang zu Bildung und Beschäftigung haben. Zahlen vom Juli 2014 belegen, dass es derzeit 11,7 Millionen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren in der Türkei gibt. Aber: Nur ein Drittel von ihnen befindet sich in der Ausbildung, ein weiteres Drittel arbeitet. Der Rest hat nichts dergleichen. Mit anderen Worten, sie befinden sich außerhalb des Systems – ganze 3,7 Millionen junge Menschen, so die türkische Zeitung Hürriyet.

Während die Rate der Jugendlichen, die weiterführende Schulen besuchen, bei 76 Prozent liege, erführen hingegen nur 40 Prozent eine höhere Bildung. Mit Stand Juli 2014 würden sich 5,2 Millionen junge Menschen auf dem türkischen Arbeitsmarkt nach einem neuen Job umsehen. Gut eine Million täten dies bereits aus der Arbeitslosigkeit heraus. Folglich könnten 18 Personen von 100 keine Arbeit finden. Diese 18 Prozent der Jugendarbeitslosigkeit variiere jedoch regional, so das Blatt weiter. So erreiche die Jugendarbeitslosigkeit im Osten und Südosten 30 Prozent. Beängstigend sei die Entwicklung allerdings auch in einigen großen Städten im Westen. In İzmir läge sie etwa um 27 Prozent, in Bursa und Kocaeli bei 25 Prozent.

Unter den 4,2 Millionen Jugendlichen, die einen Job finden, wären zwei Drittel Männer. Auf der anderen Seite gebe es in der Türkei 5,9 Millionen junge Frauen im Alter von 15 bis 24 Jahren, die den Männern sowohl in der Ausbildung als auch in Sachen Beschäftigung hinterher hinkten. Während 58 Prozent der jungen Männer aktiv im Arbeitsleben stünden, seien das nur 29 Prozent der jungen Frauen. Während 32 Prozent der jungen Männer Studenten seien, läge diese Rate bei den Frauen allerdings bei 34 Prozent. Von allen jungen Menschen in der Ausbildung, stellten Männer 49 Prozent und junge Frauen 51 Prozent.

Unter den Türken im Alter von 15 bis 24 betrage die Rate derer, die weder zur Schule noch Arbeit gingen, ein Drittel. Acht Prozent von diesen jungen Leuten ist arbeitslos. Sie sind zwar auf der Suche, können aber keinen ergattern. 23 Prozent gingen jedoch weder zur Schule noch seien sie berufstätig. Diese junge Bevölkerung im Übergang steht kurz vor der 3,7 Millionen-Marke; davon rund 2,5 Millionen junge Frauen und 1,2 Millionen junge Männer.

Warum gerade Frauen betroffen sind, hat mehrere Gründe. Sie sind zum einen situationsbedingt. So ergibt sich vor allem in ländlichen Gebieten und weniger entwickelten Regionen oftmals ein schwierigerer Zugang Sekundarbildung. Ein weiterer Faktor ist das Verhalten der konservativen Familien gegenüber den jungen Mädchen, die sie weder zur Schule noch zur Arbeit schicken. In großen Städten wie Istanbul und Izmir scheint dieser Trend durchbrochen. Anders die Lage in einem großen Teil von Anatolien. Die Folge: Die Zahl der jungen Mädchen, die weder in der Schule sind noch Arbeitsplätze haben, hat mittlerweile 2,2 Millionen erreicht. Wenn die 350.000 junge Frauen, die keine Arbeit haben, obwohl sie auf der Suche sind, hinzugefügt werden, erhöt sich die Gesamtzahl der arbeitslosen jungen Frauen auf satte 2,5 Millionen. Die Zahl der jungen Männer, die weder arbeiten noch zur Schule gehen, beträgt auf der anderen Seite 540.000. Dieser Wert entspricht neun Prozent der jungen männlichen Bevölkerung. Wenn man die fast 600.000 jungen Männer, die keine Arbeit haben, obwohl sie suchen hinfügt, erhöht sich die Gesamtzahl der inaktiven jungen Männer auf 1,2 Millionen.

Der türkische Historiker İlber Ortaylı sagt, dass durch die große Anzahl der Universitäten, auch deren Qualität abnimmt. Er kritisiert, dass es in allen 70 Städten Universitäten zum größten Teil überflüssige Einrichtungen gebe, die sich Universität nennen. Eine hohe Anzahl sei kein Anzeichen für Qualität, zitiert die Zeitung Bugün den Historiker. Denn die Ausstattung der Hochschulen sei miserabel. Es fehle an Forschungseinrichtungen und Bibliotheken.

İlber Ortaylı wörtlich:

„Eine gute Hochschule braucht gutes Lehrpersonal (…) Die Türken haben ein falsches Verständnis, wonach möglichst jeder zur Universität gehen soll. Doch es sollte nicht jeder zur Universität gehen. Du kannst jedem eine Ausbildung verschaffen, um den Betroffenen an der Wirtschaftsschöpfung zu beteiligen. Aber du kannst nicht jeden Menschen in die Hochschule drängen. Niemand hat das Recht, den Hochschulplatz, der für eine akademisch talentierte Person gedacht ist, einem akademisch untalentierten Menschen zuzuschlagen. (…) Eine Elektriker-Ausbildung ist beispielsweise weitaus wichtiger. Doch alle wollen Richter, Ärzte oder Staatsanwälte werden (…) Es gibt zahlreiche Menschen in diesem Land, die ein Vermögen in ihre Kinder stecken, damit diese einen akademischen Abschluss erreichen. Doch viele von ihnen werden keinen Job finden. Und noch schlimmer ist: Der Zug für das Erlernen einer einfacheren Ausbildung wird abgefahren sein. Die Türkei steuert auf eine traurige Zukunft hin.“

Und wie steht es in Europa? Die global Krise hat das Thema Jugendarbeitslosigkeit hier zu einem gigantischen Problem werden lassen (mehr hier). Seit 2008 steigt sie rapide an, gleichzeitig schrumpfte die Beschäftigungsquote in der Altersklasse zwischen 15 und 24 Jahren vor allem in der Mittelmeerregion immens. Junge Leute finden hier teils über Jahre hinweg keine Arbeit. Nach Angaben von Eurostat betrug der Beschäftigungsanteil der jungen Leute in den EU-Staaten im Jahr 2008 noch 37 Prozent. 2012 sank dieser Wert um fünf Prozentpunkte auf 32 ab. In der Eurozone betrug der Rückgang sogar 6,2 Prozentpunkte. In der gesamten EU stieg die Jugendarbeitslosigkeit in der Krise von 16 auf mehr als 23 Prozent. Allerdings sind auch hier der Rückgang der Beschäftigung und der Anstieg der Arbeitslosigkeit unterschiedlich verteilt. So ergibt sich in einigen südlichen Ländern ein geradezu beängstigendes Bild, während andere, vor allem im Norden, relativ gut dastehen.

Beispiel Niederlande: Obwohl die Jugendbeschäftigung seit Ausbruch der Krise gesunken ist, liegt sie immer noch bei 62 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt elf Prozent. In Deutschland sank die Jugendbeschäftigung um fast sechs Punkte und liegt jetzt nur noch bei 47 Prozent der jungen Bevölkerung. Trotzdem liegt die Arbeitslosenquote bei nur acht Prozent. Noch besser stellt sich die Situation etwa in Schweden dar. Das eigentliche Problem liegt in Süd-, Mittel- und Osteuropa. So kämpft zum Beispiel Frankreich mit einer Jugendbeschäftigungsquote um 30 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast 24 Prozent. Alarmierend auch die Zahlen aus Spanien. Schon 2008 betrug die Beschäftigungsquote der Jugend nur 36 Prozent. Mittlerweile ist sie auf 17 Prozent gefallen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist auf  atemberaubende 55 Prozent gestiegen. Die gleiche Situation herrscht in Italien. Die Jugendarbeitslosigkeit ist während der Krise von 21 Prozent auf 40 Prozent emporgeschnellt. Griechenland und Portugal stecken ebenfalls in ernsthaften Schwierigkeiten. In Griechenland sind 58 Prozent der Jugendlichen arbeitslos und nur zwölf Prozent haben Jobs.

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