Meinungsdiktat: Mehr als 1800 türkische Journalisten in 12 Jahren gefeuert

Die Türkei scheint derzeit nicht nur das „weltgrößte Gefängnis für Journalisten“ zu sein. Einem Bericht der türkischen Opposition zufolge, liegt das Land auch ganz vorne, wenn es darum geht, diese zu entlassen. In den vergangenen zwölf Jahren sollen ganze 1.863 Journalisten ihre Arbeit verloren haben.

Aufgedeckt wurde der Missstand durch einen Report der türkischen Oppositionspartei CHP, der in der vergangenen Woche von den Abgeordneten Nurettin Guven, Muharrem Isik, Ozgur Ozel und Veli Agbaba vorgestellt wurde. Unter dem Titel „Journalisten unter Druck der Regierung gefeuert“ verdeutlicht dieser, unter welchen Bedingungen in türkischen Redaktionsstuben gearbeitet werden muss.

Wie Agbaba auf der dazugehörigen Pressekonferenz bekannt gab, seien 1.863 Journalisten entlassen worden. Diese seien allerdings nur die Spitze des Eisberges. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sei mittlerweile zum „größten Medienboss“ im Land avanciert. „Der einzige Unterschied zwischen ihm und seinem Freund (der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio) Berlusconi sei der, dass Berlusconi Medienboss war bevor er Präsident wurde, Erdoğan jedoch erst Premier und dann Medienboss wurde“, zitiert ihn das Portal Ansamed.

Wie der CHP-Abgeordnete angibt, seien 90 Prozent der Journalisten während Erdoğans selbsternannter „Zeit der Meisterschaft“ entlassen worden. Ein Verweis auf den Beginn seiner dritten Amtszeit im Jahr 2011. Im Zuge dessen wandte sich in der vergangenen Woche auch der CHP-Abgeordnete Rahmi Askin Tureli mit einer ganzen Reihe an schriftlichen Fragen bezüglich der ständig wachsenden Entlassungen in der Medienbranche an den Präsidenten türkische Parlament, so Haberler. Tureli verweist dabei auf einen Bericht der Türkischen Journalistenvereinigung (TGS) mit dem Titel „Probleme von Journalisten“. Demzufolge seien 981 Journalisten entlassen und 56 weitere in der ersten Hälfte des Jahres 2014 dazu gezwungen, zu gehen. Wie sie bereits im Sommer 2013 bekannt gegeben hat, sollen im Zusammenhang mit den Gezi Park Protesten mindestens 22 Journalisten gefeuert worden sein. 37 weitere mussten von ihren Posten zurücktreten (mehr hier).

Für den türkischen Journalist Can Dundar ist das Gebaren seiner Kollegen derzeit kaum erträglich. Im Land hat sich eine ungeheuerliche Selbstzensur breit gemacht, warnte er bereits Ende 2013. Es droht der totale Vertrauensverlust in die Redakteure und die Verlagshäuser (mehr hier). Kritisiert wurde die Selbstzensur der türkischen Medien insbesondere im Zusammenhang mit den Gezi Park-Protesten auch von Seiten der EU. „Es liegt auf der Hand, dass Reporter sich dafür entschieden haben, nicht über die Ausschreitungen zu berichten, um einer Ausgrenzung zu entgehen“, so EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle bereits Ende Juni vergangenen Jahres (mehr hier).

Nach Ansicht von Reporter ohne Grenzen (ROG) wird das Jahr 2014 entscheidend für die Bürgerrechte in der Türkei. Ihr im Frühjahr vorgestellter Bericht stellte dem Land abermals kein gutes Zeugnis in Sachen Pressefreiheit aus. Im vergangenen Jahr hat sich die Lage nicht verbessern können. Innerhalb der 180 im World Press Freedom Index beurteilten Staaten findet sie sich erneut auf Rang 154. Damit liegt sie hinter massiv vom Krieg zerrütteten Staaten wie Afghanistan und dem Irak (mehr hier).

Hier geht es zum gesamten Report der CHP-Abgeordneten.

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Committee to Protect Journalists (CPJ): Türkei sperrt 50. Journalisten ein
Klima der Angst: Türkische Pressefreiheit steckt in schwerer Krise

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