Terror in Kanada: Stimmung gegen Muslime hat sich deutlich aufgeheizt

Nach Angaben des Nationalrats der kanadischen Muslime haben sich die Berichte über Belästigungen von Muslimen in öffentlichen Verkehrsmitteln, per hinterlassener Nachrichten am Auto oder Mobbing an Schulen in jüngster Vergangenheit verzehnfacht. Die verbalen bzw. schriftlichen Übergriffe beinhalteten auch rassistische Beleidigungen. Ausgangspunkt für die verschärfte Situation waren die Schüsse vor dem Parlament in Ottawa am 22. Oktober.

Seit dem Attentat vor dem Parlament in Ottawa vor eineinhalb Wochen sind die Berichte über antimuslimische Belästigung in Kanada deutlich gestiegen. Der Angriff auf einen Soldaten hat die bislang offene Gesellschaft offenbar schwer getroffen. Die Regierung kündigte bereits an, die hiesigen Anti-Terror-Gesetze zu verschärfen. Muslimische Organisationen beobachten unterdessen einen Stimmungswechsel im Land – ganz zum Leidwesen der Gläubigen.

Nach Angaben des Nationalrats der kanadischen Muslimen hätten sich die Berichte über Belästigungen von Muslimen in den vergangenen Tagen verzehnfacht. Attackiert würden Muslime in öffentlichen Bussen, an ihren Autos klebten Nachrichten und auch in der Schule käme es zu Beleidigungen. Der gewaltsame Tod eines Soldaten hat die Nation offenbar gespalten. „Es gibt einige sehr positive Anzeichen, die wir in Form von Anrufen der Unterstützung erhalten haben. Es gibt auch Beispiele, in denen Menschen sich wider die Bigotterie gestellt hätten“, zitiert das türkische Nachrichtenportal Worldbulletin  Amy Awad, eine Menschenrechtskoordinatorin des Rates. „Aber es gibt auch eine große Zunahme von Beschwerden.“ Normalerweise erreichten den Rat etwa fünf Beschwerden über antimuslimische Vorfälle landesweit. In den vergangenen Tagen habe sich das jedoch verzehnfacht.

Das Attentat vor dem Parlament sowie die tödliche Fahrt eines Mannes zwei Tage zuvor, die ebenfalls einem Soldaten das Leben kostete, haben Ängste geschürt. Schließlich kamen sie zu einem äußerst sensiblen Zeitpunkt – denn gerade hatte Kanada Kampfflugzeuge gen Irak entsandt, um dort gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vorzugehen. Mehrere muslimische Gruppen in Kanada haben die Angriffe in der Heimat umgehend scharf verurteilt. Und auch eine Handvoll hochrangiger Politiker reagierte sofort und forderte die Bevölkerung auf, sich nicht gegen die Muslime wenden.

Die Appelle kamen offenbar nicht bei allen an. Auch Adil Charkaoui, Koordinator des Quebec Collective gegen Islamophobie, berichtete von 30 Beschwerden, die allein in der vergangenen Woche eingegangen wären. Ihm zufolge sei das die größte Zahl an Beschwerden gewesen, die die Gruppe seit einem gescheiterten Versuch religiöse Kopfbedeckungen wie jüdische Kippas und muslimische Hijabs bei Angestellten im öffentlichen Dienst verbieten zu lassen, erhalten hätte. Ähnliches berichtet auch der Imam Syed Soharwardy, Gründer von Muslims Against Violence in Calgary. Zu viel Gewicht misst er diesen allerdings nicht bei. „Ja, es war ein Rückschlag, aber die überwiegende Mehrheit der Kanadier ist zivilisiert und tolerant. Davon haben wir eine ganze Reihe an Beispielen gesehen.“

In Cold Lake, Alberta, der Luftwaffenstützpunkt, von dem aus die Kampfflugzeuge in den Irak geschickt wurden, haben sich die Bewohner in der vergangenen Woche zusammengeschlossen, um eine Moschee zu reinigen und zu reparieren, die zuvor mutwillig zerstört worden war. Nachdem sie die Worte Go Home entfernt hatten, übermalten sie die feindliche Äußerung mit dem Signal an ihre muslimischen Mitbürger: You are home.

Eine ähnliche Stimmung hat auch Großbritannien erlebt. Eine BBC-Umfrage unter 1000 jungen Leuten zwischen 18 und 24 Jahren hatte im Sommer 2013 ergeben, dass mehr als ein Viertel von ihnen Muslimen misstrauen. Wären weniger von ihnen im Land, ginge es Großbritannien deutlich besser. Dieser Überzeugung waren jeweils 27 bzw. 28 Prozent der Befragten. Geschürt werde diese islamophobe Atmosphäre von ausländischen Terrorgruppen, Medien und den Muslimen selbst. Für die Befragten gab es gleich mehrere Verantwortliche für die ablehnende Haltung. 26 Prozent sahen die Ursache in ausländischen Terrorgruppen. 23 Prozent gaben den Medien die Schuld. 21 Prozent beriefen sich auf britische Muslime, die in Terrorattacken involviert seien. Nur drei von zehn Muslimen würden zudem ausreichende Maßnahmen ergreifen, um den Extremismus in ihren Gemeinden zu bekämpfen, hieß es damals. Positiver war die Haltung jedoch gegenüber dem Islam. 48 Prozent waren der Ansicht, dass es sich um eine friedliche Religion handelt. Doch auch hier waren 27 Prozent anderer Meinung (mehr hier).

In Frankreich scheint die ablehnende Haltung derzeit noch gravierender. Auch hier nehmen anti-muslimische Angriffe seit Jahren zu. Fast die Hälfte der Franzosen betrachtet Muslime mittlerweile als Bedrohung. Das ergab eine Umfrage vom Oktober 2012 (mehr hier). Und in Deutschland? Wie Juden in der Vergangenheit, drohen Muslime, die neuen Opfer der deutschen Gesellschaft zu sein, meint der Historiker Wolfgang Benz (mehr hier). Weltweit sieht die Stimmung ebenso düster aus: Eine knappe Mehrheit von 51 Prozent empfindet den Islam als bedrohlich. Das ergab der „Religionsmonitor 2013“ der Bertelsmann Stiftung, der insgesamt 14.000 Menschen zur gesellschaftlichen Bedeutung von Religion und Werten in Deutschland und zwölf weiteren Staaten befragt hat. Übrigens: Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie und Co-Autor der Bertelsmann Studie, ist sich mit Akeela Ahmed einig. Auch er macht einen mangelnden persönlichen Kontakt von Muslimen und Christen für diese negative Sichtweise verantwortlich.

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