Kreditkarten-Schulden belasten Türken mit extremen Zinsen

Die Türken haben offenbar ihre Konsumfreudigkeit eingebüßt. Jüngste Zahlen zeigen: Sie nehmen im Vergleich zum vergangenen Jahr nicht nur weniger Kredite auf, auch ihre Kreditkartenschulden sinken. Der Grund dafür ist klar: Nach Jahren der Schulden, wollen sie ihre Finanzen endlich wieder auf gesunde Füße stellen.

Schnelle Kredite bei Banken, bunte Plastikkarten für den täglichen Konsum. Seit 2003 gehört das Leben auf Pump fest zum türkischen Lebenswandel. In der vergangenen Dekade gedieh die türkische Wirtschaft prächtig. Fast ein Drittel aller Kredite gingen auf das Konto der Verbraucher. Ein Trend, der sich nun anscheinend langsam umkehrt.

Die großzügige Kreditvergabe kurbelte den Verkauf von Häusern, Fahrzeugen und langlebigen Produkten an. Kredite wurden zum festen Baustein des türkischen Wachstumsmodells. Von September 2004 bis September 2014 stieg der Kreditbestand der der türkischen Haushalte nominal mit einer Rate von 1.306 Prozent, berichtet die türkische Zeitung Hürriyet. In den vergangenen zehn Jahren habe sich der Schuldenstand fast verfünffacht.

Zuletzt stagnierte das türkische Wachstum jedoch. Damit einher ging in den vergangenen zwölf Monaten auch ein Rückgang der Verbraucherkredite. Das Volumen der Konsumentenkredite, die in Form von Krediten für Häuser, Fahrzeuge und persönliche Finanzen durch Kreditkarten und als Barkredit auftauchten, überschritten im September 2014 die 345.5 Milliarden-Türkische Lira-Marke, umgerechnet 155 Milliarden Dollar. Berücksichtigt man jedoch die Inflation, ging dieser Wert im Vergleich zum Vorjahr um ein Prozent zurück. Konkret bedeutet das einen Nachfragerückgang und damit auch eine Verlangsamung des heimischen Wachstumsmotors.

Laut der türkischen Bankenaufsichtsbehörde (BDDK) und den Daten des Staatssekretärs im türkischen Finanzministerium sei die kumulierte Verschuldung der türkischen Haushalte zwischen September 2013 und September 2014 nominal um 8,1 Prozent auf 345,5 Milliarden Türkische Lira angewachsen. Wenn jedoch die 8,9 Prozent Verbraucherpreisindex berücksichtigt werden, kann man sehen, dass der Schuldenstand der privaten Haushalte tatsächlich um einen Punkt gesunken ist. Mit anderen Worten: Die privaten Haushalte haben in den vergangenen zwölf Monaten schlicht ihren Appetit auf Kreditaufnahmen verloren. Sie haben ihre Schulden nicht erhöht; sie haben sich entschieden, sie zu reduzieren.

Zurückhaltend zeigen sich die Türken neuerdings vor allem bei Krediten für ein neues Auto, so das Blatt weiter. So sei die Nachfrage nach Fahrzeugkrediten, die ohnehin nur etwa zwei bis drei Prozent des Gesamtschuldenstands der privaten Haushalte ausmachten, in den vergangenen zwölf Monaten um 17 Prozent gesunken. Würde man die Inflation einbeziehen, läge der Rückgang sogar bei 24 Prozent. Zu spüren bekämen das nicht nur die Kreditinstitute, sondern auch die Finanzabteilungen der Autohäuser. Die Folge: Die Autoverkäufe gingen deutlich zurück. Im Vergleich zum Vorjahr schrumpfte der Automobil- und Nutzfahrzeug-Markt von Januar bis September 2014 um 19,2 Prozent auf 473.000 Fahrzeuge.

Aufgrund von Zinserhöhungen und neuen, administrativen Beschränkungen sank auch die Kreditaufnahme durch Kreditkarten. Betrugen die Kreditkartenschulden im September 2013 noch 82 Milliarden Türkische Lira, waren es ein Jahr später ganze zehn Prozent weniger, nämlich 74 Milliarden Lira. Wird auch hier die Inflation berücksichtigt, beträgt der Rückgang sogar 17 Prozent. Die hohen Zinsen brachten die Verbraucher dazu, weniger auf ihre Kreditkarte zu bauen. Andere stiegen jedoch einfach um und setzen nun auf Konsumkredite, die wesentlich niedrigere Belastungen darstellen (mehr hier). Folgenlos blieb das jedoch nicht: Das Übertragen der hohen Kreditkartenschulden in Konsumentenkredite erhöhte den Schuldenstand der Verbraucherkredite. Sie wurden damit zum größten Slot mit 44 Prozent. Durch diese Form der Umschuldung verringerten sich die nominalen Kreditschulden in einem Jahr um acht Milliarden Lira, während der Bestand an Allzweckdarlehen von 123 Milliarden Lira auf 145 Milliarden Lira stieg, ein Plus von 22 Milliarden.

Für Immobilien nehmen die türkischen Haushalte nach wie vor Kredite auf. Allerdings zeigen sie sich der Hürriyet zufolge auf diesem Gebiet wesentlich vorsichtiger als noch in der Vergangenheit. In den vergangenen zwölf Monaten stieg das Hypothekenvolumen von 106 auf 120 Milliarden Lira. Das entspricht einer nominellen Erhöhung um 13 Prozent. Wenn man die NettoInflation einbezieht, beträgt der reale Anstieg jedoch nur vier Prozent. Haus-Hypotheken stiegen vor allem im dritten Quartal 2014 an. Im Vergleich zum zweiten Quartal stiegen die Hausverkäufe um ganze 28 Prozent, nachdem sie in den ersten beiden Quartalen des Jahres deutlich einbrachen. Insgesamt lag die Zahl der Häuser, die in den ersten neun Monaten des Jahres verkauft wurden, bei über 831.000 Einheiten. In den ersten neun Monaten des Jahres 2013 allerdings wurden 862.000 Einheiten verkauft. Der Umsatzrückgang für die ersten neun Monate blieb bei 3,6 Prozent (mehr hier). Auch hier sorgten steigende Zinsen für einen Nachfragerückgang bei den Hypotheken.

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