Machtdemonstration: Erdoğan lässt widerspenstigen Raucher bestrafen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat die Polizei persönlich angewiesen, einen Mann zu bestrafen, den er beim Rauchen in einem öffentlichen Café erwischt hat. Kritiker sehen in diesem Vorgang eine weitere ungerechtfertigte Einmischung ins Privatleben der Bürger.

Zugetragen hat sich der Vorfall am vergangenen Sonntag im Istanbuler Distrikt Esenler. Dort hielt sich Erdoğan in der belebten Fußgängerzone des Arbeiterstadtteils auf. Als er den Mann an einem offenen bodentiefen Fenster im ersten Stock eines Cafés entdeckte, wies er die Polizei an, einzuschreiten. Den Raucher ereilte eine Bestrafung aus höchster Instanz.

Der Präsident habe mit dem Finger auf den Raucher gezeigt und angedroht, dass darauf eine Strafe stehe, so die britische BBC. Videoaufnahmen der Szene zeigen einen gereizten Präsidenten, der gegenüber den Sicherheitskräften von einem schamlosen Verhalten des Mannes sprach. „Er raucht immer noch, obwohl der Präsident ihm gesagt hat, er soll es unterlassen“, zitiert ihn das Blatt.

Bestraft worden sei übrigens nicht nur der Raucher mit einem Bußgeld über umgerechnet 30 Euro. Auch das Café, welches sich nicht an das Rauchverbot gehalten hatte, wurde belangt. Die Strafe betrug 6000 Türkische Lira, umgerechnet 2.680 US-Dollar.

Der Vorfall sorgte für heftige Gegenreaktionen in den Sozialen Medien. Die Kritiker werfen dem Präsidenten eine zunehmende Einmischung in das Privatleben vor. Der Präsident gilt seit langem als ausgesprochener Nikotingegner. Schon 2007 sagte der damalige Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan, dass der Kampf gegen das Rauchen ebenso wichtig wäre, wie der Kampf gegen den Terror, so das Time Magazin.

Rauchen ist in der Türkei ein weit verbreitetes Laster und gehört für viele zum alltäglichen Bild dazu. Schätzungsweise rauchen rund 22 Millionen Menschen in der Türkei. Über 25 Milliarden US-Dollar nimmt die Tabakbranche dort jährlich ein. Nach Angaben des türkischen Gesundheitsministeriums ist Rauchen die häufigste Ursache für Krebs innerhalb der heimischen Bevölkerung (mehr hier). Durch staatliche Bemühungen haben in den vergangenen vier Jahren rund eine Million Bürger die Abkehr vom Glimmstengel geschafft (mehr hier).

Seit Oktober gilt in der Türkei ein verschärftes Rauchverbot (mehr hier). Schon im Jahr 2008 hatte der damalige Premier eines der strengsten Anti-Tabak-Gesetze der Welt festgelegt und das Rauchen in allen öffentlichen Gebäuden verboten. Die Tabakwerbung wurde drastisch eingeschränkt und TV-Anstalten Aufklärungssendungen vorgeschrieben. Seit dem 19. Mai 2008 ist Rauchen an öffentlich zugänglichen Orten ohne nennenswerte Ausnahmen untersagt, seit dem 19. Juli 2009 auch in Cafés, Bars und Restaurants. Im vergangenen Jahr legte Gesundheitsminister Mehmet Müezzinoglu nochmals nach: Seither ist das Rauchen auch unter freiem Himmel vielerorts verboten.

Es ist nicht der erste Einschnitt, den die Türken in ihrer Privatsphäre hinnehmen müssen. Bereits der Alkoholkonsum wurde in der Türkei reglementiert. Im Sommer 2013 hatte der damalige Staatspräsident Gül das Anti-Alkohol-Gesetz trotz heftiger Proteste unterschrieben (mehr hier).

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