Sexualkunde: Türkei streicht eindeutige Abbildungen aus Schulbüchern

Türkische Sechstklässler finden in ihren Schulbüchern neuerdings niedliche Tiere statt menschliche Genitalien. Aufgefallen war die Überarbeitung bei einem Vergleich neuer und alter Bücher. Der Schritt sorgt nun für neuen Zündstoff in der Diskussion um zunehmende Eingriffe der türkischen Regierung, Zensur und verstärkte konservative Tendenzen im Land.

Bemerkt wurde der Austausch der Illustrationen vom türkischen Psychologen Abdullah Tunalı. Der einstige Vorsitzender der Izmierer Niederlassung der Lehrergewerkschaft Eğitim Sen hatte die aktuellen Wissenschaft und Technik Lehrbücher der sechsten Klassen mit denen des vergangenen Schuljahres verglichen. Das Ergebnis: Die Bilder im Kapitel „Reproduktion, Wachstum und Entwicklung von Lebewesen“ waren ausgetauscht worden.

„In der Vergangenheit wurde die innere Struktur der menschlichen Genitalien den Kindern auf eine für ihre Entwicklungsstufe angemessene Weise erläutert. Sie wurden genauso abgebildet wie zum Beispiel Herz und Nieren“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet Abdullah Tunalı. „Doch die diesjährigen Lehrbücher für Wissenschaft und Technologie der sechsten Klassen wurden in diesem Jahr gravierend zensiert.“

In der neuen Version des Buches würden Genitalien nur auf Zellebene gezeigt. Das Kapitel über Reproduktion weiche auf Fotos von einer Mutter und einem Baby sowie niedliche Tiere wie Eisbären aus. Insgesamt, so sein Eindruck, werde das gesamte Kapitel nun „kurz, oberflächlich und hopplahop“ abgehandelt. Der Fachmann ist überzeugt, dass die einleitenden Informationen über ein Thema, das im Detail in der achten Klasse abgedeckt werden, hier aufgrund der Zensur nicht mehr angemessen gelehrt würden.Wenn wissenschaftliche Informationen nicht an Schulen gelehrt werden, kann die Entwicklung eines Kindes geschädigt werden“, so Tunalı. Er warnt: Eine solche Zensur könnte dazu führen, dass die Kinder aufs Internet ausweichen und dort nach Material suchen, das eigentlich nur für Erwachsene bestimmt sei. Schon 2011 gab es lautstarke Proteste gegen die Einführung entsprechender Internetfilter. Damals argumentierte die Internetbehörde BTK, vor allem Kinder vor bestimmten Inhalten wie Gewalt oder Pornographie schützen zu wollen (mehr hier).

Der Fall ist bereits der zweite Beleg für eine zunehmend konservative Türkei binnen einer Woche. Zuletzt sorgte die Entscheidung der türkischen Streitkräfte (TAF) für Diskussionsstoff, ihren Kadetten das Ansehen der HBO-Serie „Game of the Thrones“ zu untersagen, für Aufruhr. Der Schritt ist Teil einer neuen Ausrichtung. Die Auszubildenden sollen von allem ferngehalten werden, was mit sexueller Ausbeutung, Pornographie, Exhibitionismus, Missbrauch, Belästigung und negativen Verhaltensweisen“ zu tun hat (mehr hier).

Auch beim Rauchen, beim Alkoholkonsum oder gar bei der Unterbringung von Studenten in Wohnheimen mischte und mischt sich die türkische Regierung ein. Ein Umstand, der die Gesellschaft des Landes offenbar tief spaltet. Die Mehrheit der türkischen Bevölkerung ist gegen eine Einmischung des Staates in private Angelegenheiten. Das hat eine Umfrage des in Ankara ansässigen Forschungsinstituts MetroPOLL im Jahr 2013 ergeben (mehr hier).

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