Sachverständigenrat: Zahl der Muslime in Deutschland wird deutlich überschätzt

Die deutsche Gesellschaft weiß offenbar reichlich wenig über ihre muslimischen Mitbürger. Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hat jüngst eine Sonderauswertung seines Integrationsbarometers vorgenommen. Das Ergebnis: Die Zahl der Muslime hierzulande wird teils deutlich zu hoch angesetzt. Insgesamt deutet das auf ein erhebliches Informationsdefizit über die Vielfalt der Muslime in Deutschland hin.

„Die Schätzwerte zur Zahl der Muslime in Deutschland sind ein wichtiger Indikator für den Wissensstand über diese Bevölkerungsgruppe“, sagt Dr. Cornelia Schu, Direktorin des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, in einer Mitteilung. „Das deutliche Informationsdefizit, das in den Schätzungen zu Tage tritt, deutet darauf hin, dass es auch an Wissen um die Vielfalt der hier lebenden Muslime mangelt.“

Ein Abbau dieser Wissensdefizite könne demnach Stereotypen vorbeugen und pauschale Urteile in Teilen der Bevölkerung verringern. Damit würden sich letztendlich auch die Teilhabechancen der Muslime verbessern. Denn:

„Diese relativ kleine und zu etwa 98 Prozent auf die alten Bundesländer verteilte Bevölkerungsgruppe steht häufig im Zentrum undifferenziert geführter Diskussionen über Einwanderung bzw. negativer Medienberichterstattung (SVR-Forschungsbereich 2013). In deren Verlauf wird ‚den Muslimen‘ pauschal die Rolle der ‚Integrationsverweigerer‘ zugeschrieben (vgl. Foroutan 2012). Dadurch werden sie – ähnlich wie Ausländer Mitte der 1990er Jahre – potenziell ausgegrenzt. Grund für diese Ausgrenzungsversuche sind nicht zuletzt diffuse Bedrohungsszenarien, die aus unreflektierten, an Stereotype anknüpfenden pauschalen Urteilen und Informationsdefiziten resultieren.“

Dass die Anzahl der Muslime in Deutschland mehrheitlich überschätzt werde, könne nicht zuletzt auch im Hinblick auf frühere Befragungsergebnisse allerdings kaum überraschen, heißt es in der SVR-Kurzinformation: So habe zum Beispiel mit ALLBUS-Daten gezeigt werden können, dass auch die Anzahl der in Deutschland lebenden Ausländer Mitte der
1990er Jahre zum Teil deutlich überschätzt wurde.

Die Befragung zum Integrationsbarometer wird in fünf Großregionen Deutschlands, in Rhein-Ruhr, Stuttgart, Rhein-Main, Berlin-Brandenburg sowie in Halle-Leipzig, durchgeführt. Diese wurde bereits im Jahr 2013 erhoben. Erstmals wurde dabei auch nach Einstellungen zur institutionellen Gleichstellung des Islam und zu religiöser Vielfalt gefragt. Das Integrationsbarometer 2014 ist repräsentativ für die Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund in den befragten fünf Regionen. Eine Stärke des Integrationsbarometers sei nach Ansicht des SVR, dass es die Sichtweisen beider Seiten der Einwanderungsgesellschaft zeige.

Der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat führt eigenständige, anwendungsorientierte Forschungsprojekte zu den Themenbereichen Integration und Migration durch. Die projektbasierten Studien widmen sich neu aufkommenden Entwicklungen und Fragestellungen. Ein Schwerpunkt der Forschungsvorhaben liegt auf dem Themenfeld Bildung. Der SVR-Forschungsbereich ergänzt die Arbeit des Sachverständigenrats. Die Grundfinanzierung wird von der Stiftung Mercator getragen.

Hier geht es zur Kurzinformation der SVR-Sonderauswertung.

Mehr zum Thema:

Willkommenskultur und Fremdenangst in der Einwanderungsgesellschaft
Türkische Gemeinde in Deutschland: Muslime werden im Stich gelassen
Türkischer Vize-Präsident Bozdağ: Türkei muss Deutsch-Türken besser schützen!

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.