Muslime entdeckten Amerika: Erdoğan will Theorie in türkischen Lehrplänen verankern

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat die Bildungseinrichtungen des Landes angewiesen, die Beiträge des Islams zur globalen Wissenschaft und Kunst hervorzuheben. Dazu gehöre seiner Meinung nach auch die kürzlich von ihm wieder aufs Tableau gebrachte Theorie der Entdeckung Amerikas durch Muslime 300 Jahre vor Kolumbus.

Erst vor wenigen Tagen haben die Äußerungen des türkischen Präsidenten Erdoğan für gehörigen Diskussionsstoff gesorgt. Unter anderem mit Blick auf die Theorie des türkischen Orientalisten Fuat Sezgin erklärte der Politiker, dass 314 Jahre vor Kolumbus muslimische Seefahrer im Jahr 1178 den amerikanischen Kontinent erreicht hätten. Diese Version sollen nun offenbar auch türkische Schulkinder lernen.

„Meiner Ansicht nach tragen unser Bildungsministerium und der YÖK eine wichtige Verantwortung. Eine objektive Geschichtsschreibung wird den Beitrag des Ostens, des Nahen Ostens und des Islam zu Wissenschaft und Kunst aufzeigen“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet Erdoğan. „Als Präsident meines Landes kann ich nicht akzeptieren, dass unsere Zivilisation anderen Zivilisationen unterlegen ist“, so der Politiker im Rahmen der Eröffnung einer Religionsschule in Ankara.

Die Kritik von Kolumnisten und Karikaturisten, die seine Aussagen zur Entdeckung Amerikas verspotteten, wies er zurück. „Warum  [glauben sie das nicht]? Weil sie niemals geglaubt haben, dass ein Muslim so etwas tun könne. Sie haben nie geglaubt, dass es ihren Vorfahren gelänge, Schiffe am Goldenen Horn ins Wasser zu lassen, nachdem sie sie über Land transportiert hatten“, so Erdoğan mit Blick auf die Eroberung Istanbuls durch Sultan Mehmet II im Jahre 1453. „Sie haben nie geglaubt, dass ihre Ahnen das Dunkle Zeitalter beendeten und ein neues aufstießen. Das ist ein Mangel an Selbstvertrauen.“

Erdoğan verteidigte seine Aussagen über die Entdeckung Amerikas und betonte, dass diese Theorie ursprünglich nicht von ihm stamme. Im Gegenteil sei diese noch nicht einmal neu. Auch in den Büchern des Professors emeritus Fuat Sezgin vom Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main würde sie erwähnt. In der Tat hätten eine ganze Reihe von Akademikern in der Türkei und in der Welt diese Behauptung aufgestellt, so der Präsident weiter. Westlichen Quellen sollte seiner Ansicht nach nicht bedingungslos vertraut werden, ganz so, als ob es heilige Texte wären.

Vor pauschaler Kritik am türkischen Präsidenten warnt auch der Kölner Journalist Eren Güvercin am 16. November in einem Facebook-Eintrag:

Egal was ‪#‎Erdogan‬ sagt, Empörung in der deutschen Presse (Spiegel, Zeit und Co) ist garantiert. Jüngstes Beispiel: Erdogans Aussage, dass Muslime bereits vor Kolumbus Amerika entdeckt haben. Statt im Affekt zu handeln und sich zu empören, könnten Journalisten ja mal diese auf den ersten Blick verrückte Aussage prüfen. Prof. Fuat Sezgin, ein weltweit anerkannter Wissenschaftler auf seinem Gebiet, der an der Goethe-Universität forscht (also nicht weit weg und einfach zu erreichen) hat dazu einiges veröffentlicht. Und er steht nicht in Verdacht ein Erdogan-Jünger zu sein. Hier eine Lektüre als Nachhilfe für die ‪#‎Kampagnenjournalisten‬:

„THE PRE–COLUMBIAN DISCOVERY OF THE AMERICAN CONTINENT BY MUSLIM SEAFARERS“

http://www.laits.utexas.edu/…/map…/docs/precolumbamerica.pdf

Hier auch auf deutsch: Die Entdeckung Amerikas durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus (Fuat Sezgin/Uni-Frankfurt):

http://t.co/dRVf7RuEz5

Vielleicht gibt es ja bald auf SPON und Zeit.de ein Interview mit Prof. Fuat Sezgin als kleiner Nachhilfeunterricht…

Die Geschichtsschreibung rechnet dem Genuesen Kolumbus die Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 zu. Die «Washington Post» berichtete am Sonntag, Erdoğan berufe sich offensichtlich auf den umstrittenen Forscher Youssef Mroueh von der As-Sunnah-Stiftung Amerikas. Mroueh schreibt in einem Papier, Muslime aus Spanien und West-Afrika hätten Amerika «mindestens fünf Jahrhunderte vor Kolumbus» entdeckt (mehr hier).

Mroueh beruft sich unter anderem auf einen Tagebucheintrag von Kolumbus. Die Zeitung «Hürriyet Daily News» schreibt, bis auf einige muslimische Gelehrte werde dieser Eintrag von Forschern dahingehend verstanden, dass Kolumbus sich auf einen Vorsprung auf einem Gipfel beziehe, der an eine Kuppel oder ein Minarett einer Moschee erinnere.

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