„Islamfeindlichkeit ist das neue Gewand des Rassismus“

Neueste Studien klangen zunächst verheißungsvoll: Weniger Deutsche denken rechtsradikal. Bedenklich ist laut der „Mitte“-Studie der Universität Leipzig jedoch die steigende Ablehnung gegenüber Muslimen, Asylbewerbern und Sinti und Roma.

In einem Abstand von zwei Jahren präsentiert ein Forscherteam der Universität Leipzig die sogenannte „Mitte“-Studie. Hier erheben die Forscher Daten zu rechtsradikalen Strömungen in der deutschen Bevölkerung. Der Zeitpunkt dafür könnte nicht brisanter sein, die eingetrübten wirtschaftlichen Perspektiven, das laufende Verfahren gegen Beate Zschäpe und die anhaltenden Flüchtlingsströme an den EU-Außengrenzen erhitzen weiterhin die Gemüter.

Beruhigt stellten die Forscher um Prof. Dr. Elmar Brähler fest, dass die Zahl rechtsdenkender Bürger weiterhin abnimmt. Beunruhigend seien jedoch die wachsende Ablehnung gegenüber Muslimen, Asylbewerben und Sinti und Roma. Auch im Jahr 2014 zeigt sich ein erschütterndes Ergebnis: Die Ablehnung von Ausländern oder Menschen mit Migrationshintergrund ist dort am stärksten, wo am wenigsten von ihnen leben. Das betrifft besonders Ostdeutschland. Eine Gemeinde in der sächsischen Stadt Leipzig bekam dies jüngst zu spüren.

Die stabilisierte Mitte

Schon seit dem Jahr 2002 führen die Forscher der Universität Leipzig repräsentative Umfragen zu rechtsextremen Einstellungen in der deutschen Bevölkerung durch. Dazu wurden fast 2500 Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten und aus ganz Deutschland befragt. Im Zwei-Jahres-Rhythmus erheben die Wissenschaftler des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung neue Daten und vergleichen diese mit dem Trend der vergangenen Jahre. Insgesamt ist das Ergebnis erfreulich: Die Anzahl rechtsextremer Einstellungen sinkt in Deutschland.  „Wir hatten hier einen Rückgang im Vergleich zu der Erhebung vor zwei Jahren, allerdings eine Zunahme bei der Islamophobie und der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Wir erklären es uns damit, dass die gesamtwirtschaftliche Lage gerade im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr gut ist. Es gab im Allgemeinen einen Rückgang rechtsextremer Menschenbilder, jedoch sind neue Feindbilder aufgetaucht“, so Brähler zu den Deutsch-Türkischen-Nachrichten.

Jeder fünfte Deutsche denkt ausländerfeindlich

Statistisch betrachtet ist jeder fünfte Deutsche ausländerfeindlich. Weiterhin ist auch der Nationalchauvinismus in Deutschland sehr ausgeprägt. 13,6 Prozent der Befragten gaben an, dass Deutschland mehr Geltung in der Welt haben müsse. Laut der Befragung sind fünf Prozent der Deutschen nach wie vor antisemitisch eingestellt. Weiterhin gibt es Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Festzustellen ist auch, dass Bildung nach wie vor eines der größten Hindernisse für rechtsextremes Denken darstellt. Während lediglich 6,8 Prozent der befragten Abiturienten rechtsradikalen Äußerungen zustimmten, stimmten 20,8 Prozent der Befragten mit niedrigem Bildungsabschluss ausländerfeindlichen Aussagen zu.

Der Osten ist ausländerfeindlicher

Einmal mehr zeigte sich, dass Regionen, in denen weniger „Ausländer“ oder Menschen mit Migrationshintergrund leben, ausländerfeindlicher denken. „Wo weniger Migranten und Migrantinnen leben, ist die Diskriminierung von ‚Ausländern‘ stärker verbreitet“, sagt Elmar Brähler. „Der Kontakt verhindert Vorurteile, darum wissen wir seit einigen Jahren.“ Auch sind mehr Menschen in Ostdeutschland der Meinung, dass sich Deutschland mehr Macht und Geltung verschaffen solle. In den neuen Bundesländern stimmen dieser Aussage 28,7 Prozent der Befragten zu. In den westdeutschen Bundesländern waren es nur 19,5 Prozent.

Ähnliches war auch in Thüringen zu spüren. Der dort jährlich durchgeführte „Thüringen-Monitor“ erfasst das politische Meinungsbild der im Freistaat lebenden Bürger. Im Jahr 2013 ergab die Umfrage, dass viele Bürger Deutschland als überfremdet einstufen. Laut der Studie zeichnen sich die Menschen, die ein rechtsextremistisches Gedankengut haben, auch durch eine ablehnende Haltung gegen Langzeitarbeitslose, behinderte Menschen und Homosexuelle aus.

Fremdenfeindlichkeit ist jedoch ein gesamtgesellschaftliches Problem. Der Aussage „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“ stimmten 42 Prozent der Befragten in Thüringen zu, während 44 Prozent die Meinung vertreten, dass diese nur den Sozialstaat ausnutzen wollten. Damit ist Thüringen über dem ostdeutschen Durchschnitt (31,5 Prozent) und deutlich über dem Bundesdurchschnitt (27,5 Prozent). Die Studien konnten auch nachweisen, dass Menschen mit rechtem Gedankengut nicht zwangsläufig am rechten Rand des politischen Spektrums wählen. Viele Befragte gaben bei der „Mitte“-Studie an auch die großen, gemäßigten Volksparteien SPD und CDU zu wählen. Erklären könne sich dies Brähler durch die Kontakthypothese. „Was die neuen Bundesländer angeht, haben wir eine Erklärung. Es ist so, dass in Regionen in denen Menschen leben, die im persönlichen Umfeld, also auf dem Arbeitsplatz, der Familie, bei den Freunden oder bei den Nachbarn, regelmäßigen Kontakt zu Ausländern haben, ebendiese nicht so ausländerfeindlich eingestellt sind“, so der Wissenschaftler.

Wachsende Islamfeindlichkeit

In Thüringen waren 65 Prozent der Befragten der Auffassung, dass Muslime zu viele Forderungen stellen. Bestätigt wird dieser bedenkliche Trend durch die Ergebnisse des Forscherteams der Universität Leipzig. Insgesamt stimmten 36,6 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte.

Dass die Stimmung im Land gerade gegenüber Muslimen in der letzten Zeit schlechter geworden ist, belegen zahlreiche Daten. Allein die Anzahl von Anschlägen auf Moscheen nahm in den letzten zwei Jahren rasant zu. Exemplarisch steht dafür der Moscheebau in Leipzig. Die Glaubensgemeinschaft der Ahmadiyya Muslim Jamaat wollte in Leipzig eine der ersten ostdeutschen Moscheen bauen. Dabei sollte die Moschee auch mit Minaretten entstehen. Prompt bildete sich eine Bürgerinitiative, die den Muslimen das Leben schwer machte. Dass die Gemeinde dabei stets offen mit ihrem Bauvorhaben umging, zahlte sich bislang nicht aus. Bereits im vergangenen Jahr waren auf dem Baugelände fünf aufgespießte Schweineköpfe gefunden worden. Ein Problem sei, dass man sich in so einer Atmosphäre nicht willkommen in der deutschen Gesellschaft fühle.

„Generell hat der Islam momentan kein besonders gutes Image, was dazu führt, dass man skeptisch und unsicher ist und zum Teil auch Angst gegenüber dem Islam empfindet. In solcher Atmosphäre ist es generell schwierig sich willkommen zu fühlen. Wir versuchen aber durch Gespräche, Dialoge und Begegnungen aufzuklären und so Vertrauen zu gewinnen“, sagt Dr. Rashid Nawaz, der Vorsitzende Ahmadiyya Muslim Jamaat in Sachsen-Anhalt und Sachsen. Auf die Frage, ob er auch im Alltag angefeindet werde, antwortet dieser im Gespräch mit den Deutsch-Türkischen-Nachrichten: „Ich persönlich im Alltag eher nicht, aber durch unsere Frauenorganisation bekomme ich schon mit, dass sie wegen ihrem Kopftuch Diskriminierung erfahren haben. Zum Beispiel in der Schule und beim Einkaufen“.

Er persönlich habe den Eindruck, dass es in Ostdeutschland als Ausländer schwieriger wäre weil es einfach weniger Berührungspunkte und somit mehr Vorurteile gäbe. Geprägt sei das Bild, dass man von Muslimen habe auch durch die Gräueltaten des IS. Man könne dem nur durch viel Arbeit und Dialog entgegentreten, um für Verständnis zu sorgen, so Nawaz. Grund für die oft offen geäußerte Kritik am Islam seinen auch die Äußerungen von Thilo Sarrazin gewesen, so Brähler. „Beim Antisemitismus habe man zeitweise zwar auch hohe Zahlen gehabt, jedoch gehen diese Zahlen zurück. Beim Islam ist es etwas anderes, mittlerweile gehört es zum guten Ton, dass man seine Meinung da auch offen kundtut“.

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