Mädchen sind ganz vorne: Deutsch-muslimisches Studentenwerk vergibt erstmals Stipendien

Seit vergangenen Februar konnte sich für ein Stipendium des ersten muslimischen Begabtenförderungswerk Deutschlands beworben werden. Jetzt wurden die ersten Studenten ausgewählt. Eine besonders erfreuliche Beobachtung: Die guten Leistungen von Musliminnen setzen sich auch in der Universität fort.

Das Avicenna Studienwerk mit Sitz in Osnabrück wurde ins Leben gerufen, um begabte und sozial engagierte muslimische Studenten und Doktoranden zu unterstützen. Am vergangenen Montag wurden in einer Festveranstaltung nun die ersten Stipendiaten im Leibniz Saal der Berlin Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften willkommen geheißen. Mehr als die Hälfte von ihnen sind junge Frauen.

„Das muslimische Studienwerk, das analog zum jüdischen, evangelischen und katholischen Studienwerk gegründet wurde, hatte in einem strengen Auswahlverfahren aus knapp 600 Kandidaten 65 auserkoren“, so der Rat für Migration in einer Mitteilung, die den Deutsch Türkischen Nachrichten vorliegt. Besonders falle hierbei auf, dass der Frauenanteil bei den ausgewählten Studienstipendien bei 63 Prozent liege. Noch höher fällt er mit 79 Prozent bei den Promotionsstipendien aus.

„Das hat uns sehr gefreut“, so der Geschäftsführer des Studienwerks, Hakan Tosuner. „Bei der Auswahl sind wir schließlich streng nach der Leistung und gesellschaftlichem Engagement vorgegangen.“ Aus Studien sei bereits bekannt, dass Mädchen aus Einwandererfamilien wesentlich besser in der Schule abschneiden würden: Ungefähr 30 Prozent mehr Mädchen als Jungen aus diesen Familien besuchten weiterführende Schulen, heißt es. „Dies gilt auch für Schülerinnen und Schüler, die aus muslimischen Elternhäusern stammen, denen gerne Benachteiligung der Mädchen unterstellt wird“, sagt Werner Schiffauer von der Europa Universität Viadrina und Vorsitzender des Rats für Migration. „Die jüngsten Daten des Avicenna-Studienwerks zeigen, dass dieser Trend sich an den Universitäten fortsetzt: Betrachtet man diese Zahlen, müssten muslimische Elternhäuser eigentlich einen Preis für Frauenförderung bekommen“, so Schiffauer.

Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan, die sich bei den Auswahlgesprächen auch nach den Lernbedingungen erkundigt hatte, stellte im Zuge dessen fest, dass die Schwierigkeiten in der Regel nicht bei den Elternhäusern gelegen haben. Entscheidend waren Außenstehende: „Sie lagen bei den negativen Reaktionen von Lehrern und Mitschülern, die es Mädchen mit Kopftuch oft nicht zutrauten, gute Leistungen zu erbringen und sie deshalb entmutigten. Ohne den Rückhalt in ihren Familien und Gemeinden hätten sie es nicht geschafft“, so Foroutan. Die Hoffnung sei, dass von diesen Zahlen ein Signal an die Gesellschaft ausgehe. „Es wäre schrecklich, wenn diese hochbegabten Frauen dann nach dem Studium auf Grund ihres Bekenntnisses zum Islam keine Chance auf einen adäquaten Arbeitsplatz erhalten“, sagt die Wissenschaftlerin.

Schiffauer hofft, dass von dem guten Abschneiden der Frauen langfristig auch die jungen Männer profitieren: „Die Zahlen zeigen, dass auch die Bilder von muslimischen Männern, die in der Mehrheitsgesellschaft kursieren, problematisch sind. Die Ablehnung, die Jungen zum Beispiel erfahren, wenn sie von Lehrkräften als ‚Paschas‘ stigmatisiert werden, kann eine Distanz zur Schule verursachen.“ Es komme zu Teufelskreisen, wenn Lehrkräfte sich durch das negative Verhalten in ihrer Einschätzung bestätigt sehen.

Der Rat für Migration begrüßt die neue Vielfalt in der Landschaft der deutschen Studienwerke und hofft, dass sie zu mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem und Motivation beiträgt. Denn: Etwa drei Prozent der 2,5 Millionen Studenten in Deutschland sind Muslime, berichtet die Bundesregierung. Die Einrichtung des Avicenna-Studienwerks sei ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichbehandlung, so auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka.

„In Deutschland gab es bislang 12 Begabtenförderungswerke. Sie haben politische, arbeitnehmer- oder wirtschaftsorientierte Ausrichtungen. Außerdem gibt es konfessionell ausgerichtete Studienwerke der katholischen und evangelischen Kirche und seit 2009 auch der jüdischen Glaubensgemeinschaft. Mit dem Avicenna-Studienwerk werden erstmals nun auch muslimische Hochbegabte gefördert. Alle Förderungswerke spiegeln die gesellschaftliche Pluralität in Deutschland. Der Bund fördert die Studienwerke mit 230 Millionen Euro jährlich“.

Das Bundesbildungsministerium (BMBF) wird in den kommenden vier Jahren den Aufbau des Avicenna-Studienwerks mit insgesamt sieben Millionen Euro unterstützen.

Unterdessen wollen Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und der Universität Istanbul hochbegabte türkischstämmige Kinder besser erkennen und fördern. Bereits Anfang November wurden deshalb Workshops für Eltern und Lehrer angeboten, die im Bildungsbereich tätig sind. Bislang haben es Kinder und Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund hierzulande nicht leicht. Die Folge: Geistiges Potential wird verschenkt (mehr hier).

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