Deutsch-Türkischer Künstler „Haftbefehl“: Früher Dealer, heute gefeierter Rap-Star

Seine ganz eigene Sprachmischung machte ihn zum Rap-Star. Sein Titel „Chabos wissen wer der Babo ist“ diente sogar deutschen Politikern als Vorlage. Doch bis zum Ruhm war es für „Haftbefehl“ ein steiniger Weg. Noch vor wenigen Jahren war der Hesse weit vom Glamourleben entfernt.

Früher Dealer, heute gefeierter Rap-Star – für Aykut Anhan liegen die Extreme weit auseinander. Mit seinem vierten Album «Russisch Roulette» unter dem Künstlernamen Haftbefehl beschreibt der 28-Jährige den Kosmos aus Drogen- und Rotlichtmilieu und ist im Interview weit von einer genretypischen Überhöhung seines früheren Lebens entfernt. «Es war eine sehr anstrengende Zeit, ich bin in der Zeit sehr altgeworden. Es war sehr nervig, sehr ekelhaft – das will ich auf keinen Fall jemandem wünschen, dass er mit 16 Kokain verkauft», erinnert sich der Hesse. «Ich kann nichts Schönes mit diesem Pseudo-Beruf verbinden…außer dem Geld.»

Zwischen den Polen Gut und Böse bewegt sich Haftbefehl auch auf seiner neuen Platte, stets stehen Entscheidungen an einer Weggabelung zwischen Tugend und Verlockung im Vordergrund. «Jeder Mensch trägt einen Teufel auf der Schulter und einen Engel. In jedem Mensch steckt Böses, man muss nur wissen, wie man damit umgeht», beschreibt Anhan den ständigen Kampf.

In «Schmeiß den Gasherd an» wird kein Essen erwärmt, sondern Crack gekocht, der wohl eindrücklichste Track «Azzlacks sterben jung 2» richtet den Blick mit drastischen Worten auf die Lebensrealität eines Junkies und eines Dealers: «Angekommen in Germany reicht ein Engel ihm die Pfeife, eine blonde kleine Schlampe direkt aus’m Arsch vom Teufel. Als er nahm die Trompete in den Mund, war eigentlich klar, dass er Iblis (Satan) gerade einen lutscht.»

Eine Welt, die Anhan selbst aus einer der beiden Perspektiven gut kennt. Als Sohn einer Türkin und eines Kurden wird er in Offenbach am Main geboren. Als er 14 Jahre alt ist, verliert er seinen Vater, rutscht in die Kriminalität. «Die Straße nahm mich in den Arm und ließ mich nie wieder los», rappt er auf dem autobiografischen Dreiteiler 1999 über diese Zeit. Bereits ein Jahr später sitzt er kurzzeitig im Jugendarrest, flüchtet im Alter von 18 auf Bewährung in die Türkei – sein heutiger Künstlername erinnert daran.

Selbst als Haftbefehl entdeckt, dass auch die Musik als Gelderwerb taugt, dealt er zunächst noch weiter, so die dpa. «Zunächst habe ich 2000 Euro bekommen, mit dem Geld habe ich wieder Drogen gekauft, um sie zu verkaufen», sagt er. Mit dem ersten Verlagsdeal ist dies vorbei, Ende 2010 erscheint das Premierenalbum «Azzlack Stereotyp», vor allem sticht Haftbefehl mit seinem ganz eigenen Sprachmix aus Türkisch, Arabisch, Hessisch, Rotwelsch und Zazaisch im deutschen Gangsterrap heraus.

Der von ihm geprägte Begriff «Babo», Chef, wird zum Jugendwort des Jahres 2013 gewählt, zwei Politiker auf Landes- und Kommunalebene gehen mit Slogans, die an seinen größten Hit «Chabos wissen wer der Babo ist» angelehnt sind, auf Stimmenfang. «Als einer der Politiker ein komisches Statement abgegeben, habe ich gesagt, er soll sich ficken. Also ich hab jetzt nicht ficken gesagt, aber er nutzt meinen Song und distanziert sich aber von mir, aus diesem Grund habe ich ihn verklagt», erinnert sich Haftbefehl. Inzwischen habe er nach einer Entschuldigung aber darauf verzichtet.

Auch Haftbefehl selbst ist nicht unumstritten. Öffentlich weist er den Vorwurf von Antisemitismus stets zurück – beispielsweise die dauerhafte Erwähnung des Namens der jüdischen Familie Rothschild im Lied «Haram para» über schmutziges Geld lässt zumindest diese Einfalltür für Kritik aber offen.

Insgesamt gelingt «Deutschlands bestem Straßenrapper» («Tagesspiegel») jedoch ein beeindruckendes Werk, das zwischen einer düsteren Traurigkeit wie bei seinem Vorbild Notorious B.I.G. und überzeichneter Mafia-Rhetorik im Scarface-Stil schwankt. Der starke Rückgriff auf vergangene Zeiten hat dabei einen einfachen Grund. «Heutzutage passiert mir nicht mehr so viel wie damals», sagt Haftbefehl. «Wenn ich Action suche, mache ich das zwar auch noch, im Großen und Ganzen führe ich aber ein sehr ruhiges Leben.» Der frühere Straßenjunge lebt mit seiner Familie vor den Toren der Stadt – 30 Kilometer von Frankfurt entfernt.

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