Ein Meer von Kerzen: 1500 Menschen nehmen Abschied von Prügelopfer Tuğçe

Tuğçes Leben ist am Ende. An ihrem 23. Geburtstag wurden die lebenserhaltenden Maschinen abgestellt. Zwei Wochen lag sie nach einer Prügelattacke im Koma. Am Freitagabend trauerten rund 1500 Menschen still im Kerzenschein um die junge Frau.

Im Schein Hunderter Kerzen, umrahmt von weißen Luftballons, nehmen die Menschen in Offenbach Abschied von Tuğçe A. Rund 1500 sind gekommen. Auf dem Rasen vor der Klinik, in der die Studentin ihre letzten Tage verbrachte, verharren die Trauernden am Freitagabend mehr als eine Stunde im stillen Gedenken an die Studentin. Die junge Frau musste wohl mit ihrem Leben bezahlen, weil sie offenbar anderen helfen wollte. Immer wieder gehen die Blicke hinauf zu dem Fenster, an dem Tuğçes Mutter und Bruder stehen.

Ärzte haben die junge Frau für hirntot erklärt. Ihre Organe, so heißt es, würden gespendet. Kurz vor der Trauerfeier erklärten Tuğçes Eltern, die Maschinen, die ihre Organe noch unterstützen, im Laufe des Abends abschalten zu lassen. «Das heißt, Tuğçe wird nicht mehr länger maschinell am Leben gehalten», sagte ein enger Freund der Familie vor der Gedenkveranstaltung an der Klinik. Sobald die Maschinen ausgeschaltet worden seien, werde die Obduktion vorbereitet, kündigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft an. Unklar ist noch, ob die junge Frau durch den Schlag am frühen Morgen des 15. November tödlich verletzt wurde oder durch den Aufprall auf das Pflaster des Parkplatzes vor dem Offenbacher Schnellrestaurant.

Die rund 1500 Menschen senden mit erhobenen Kerzen einen letzten Gruß nach oben in Richtung des Fensters. Der Abend steht unter dem Motto «Tuğçe zeigte Zivilcourage». Ein Klavierspieler stimmt die Lieblingsstücke der jungen Frau an. Ein Stück ist darunter, das sie selbst auf der Abschiedsfeier ihrer Schulklasse spielte – dass es erklingt, soll der Wunsch des Bruders gewesen sein.

Die Trauer vereint Menschen jeden Alters. «Sie ziehen ein Kind groß und auf einmal verlieren sie es. Den Schmerz möchte ich nicht erleben», zitiert die dpa eine Rentnerin, die mit Freundinnen zur Mahnwache gekommen ist. Sarah und Nicole, beide 22 und Studentinnen wie Tuğçe, wollen ihr danken: «Sie ist dazwischen gegangen. Sie hat ein Zeichen gesetzt.» Mit Wimperntusche schreiben sie eine Grußbotschaft auf eine an einem Luftballon hängende Karte, bevor sie sich mit ihren Kerzen und Blumen unter die Menge mischen.

Unter den Trauernden gibt es auch nachdenkliche Stimmen. Arash (27) stellt Fragen: «Warum hat sie sich eingesetzt? Und wo sind die Personen, für die sie sich eingesetzt hat, heute?» Er spielt darauf an, dass sich die beiden Mädchen, denen Tuğçe wohl zu Hilfe kam, bislang nicht gemeldet haben. Über die Gründe rätseln an diesem Abend viele.

Auch in den sozialen Netzwerken brachten am Freitag Zehntausende ihre Trauer und Fassungslosigkeit über die Tat zum Ausdruck. In einer Internetpetition fordern mehr als 50.000 Unterstützer das Bundesverdienstkreuz für Tuğçe, die Zivilcourage gezeigt habe. Eine Gedenkseite auf dem Netzwerk Facebook wurde von rund 100.000 Menschen unterstützt, in etlichen Tweets bei Twitter wurde die junge Frau als «Heldin» und «Engel» gefeiert.

Die Tat hatte sich vor einem Schnellrestaurant im hessischen Offenbach ereignet. Der mutmaßliche Täter, ein 18-Jähriger, sitzt in Untersuchungshaft. McDonalds sprach sein Beileid aus, wies aber Vorwürfe gegen seine Mitarbeiter zurück. Während der Trauerfeier blieb die Filiale zu. «Dieses Restaurant bleibt aus Respekt vor dem schrecklichen Verlust für ihre Familie und Freunde für den Rest des heutigen Tages geschlossen», stand auf einem Schild vor der Eingangstür.

Ein Meer von Blumen, Kerzen und Plakaten mit Fotos von Tuğçe A. bleiben an diesem Abend als Erinnerung an die Studentin, die am Freitag (28.11.) 23 Jahre alt geworden wäre.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte dazu auf, sich trotz des Schicksals von Tuğçe A. auch weiterhin einzumischen, wenn es zu Konflikten kommt. «Was auf keinen Fall geht, ist wegsehen, weghören oder ignorieren», sagte Andreas Grün, der GdP-Landesvorsitzende in Hessen. «Heutzutage hat jeder ein Handy dabei, damit kann man kostenlos die 110 anrufen. Man kann andere Menschen herbeirufen und versuchen, deeskalierend einzuwirken.» Oft helfe es schon, wenn mehrere Leute zusammenkämen, um die Situation zu beruhigen.

Grundsätzlich sollte sich aber niemand durch seinen Einsatz als Streitschlichter selbst in Lebensgefahr bringen. «Wenn ich körperlich unterlegen bin, verlangt niemand von mir, dass ich den Helden spiele», sagte Grün. Sei man aber nicht alleine und das Opfer in Lebensgefahr, sollte man auch nicht erst auf die Polizei warten: «Im Notfall sollte der Erste-Hilfe-Gedanke im Vordergrund stehen.»

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