Erstes türkisches Atomkraftwerk: Ministerium billigt umstrittenen Umweltverträglichkeits-Report

Das türkische Umweltministerium hat den Umweltverträglichkeitsbericht für das Kernkraftwerk in Akkuyu in der südlichen Provinz Mersin zugelassen. Das Papier umfasst mehr als 3000 Seiten und wurde zunächst abgelehnt. Die Zustimmung des Ministeriums fällt nun mit einer Türkei-Visite des russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammen.

Das Ministerium für Umwelt und Urbanisierung hat zu Beginn der Woche die Umweltverträglichkeitserklärung (Environmental Impact Assessment Report) für das Projekt „Atomkraftwerk Akkuyu“ geprüft und anerkannt. Auf mehreren Tausend Seiten werden umfassend der Einfluss des AKW auf die Umwelt, insbesondere auf Bereiche wie Landwirtschaft, Tourismus, Infrastruktur, Industrie und Fischerei dargelegt.

Der russische Präsident Wladimir Putin war am Montag zu einem offiziellen Besuch in Ankara eingetroffen. Im Gespräch mit seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdoğan ging es vor allem um die wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder sowie die Krise in Syrien und im Irak. Die Genehmigung des Umweltverträglichkeitsberichtes könnte durchaus als Signal an Russland verstanden werden.

Der russische Rosatom-Konzern, der bereits 2010 den Zuschlag für den Bau und den Betrieb des ersten Atomkraftwerks in der Türkei erhalten hat, investiert rund 22 Milliarden US-Dollar in das AKW in der türkischen Provinz Mersin. Ausgestattet wird die Anlage mit vier Reaktoren. Die Leistung soll 4.800 Megawatt (MW) betragen. Das durchführende Unternehmen Akkuyu NGS hat am 9. Juli 2013 den benötigten Umweltbericht an das türkische Umweltministerium zur Prüfung übermittelt. Das hiesige Umwelt- und Stadtplanungs-Ministerium hat diesen aber unter Berufung auf Mängel in Form und Inhalt abgelehnt (mehr hier).

Der Umweltverträglichkeitsbericht gilt als einer der wichtigsten Punkte, um überhaupt mit dem Bau des Atomkraftwerks beginnen zu können. Er umfasst insgesamt mehr als 3000 Seiten, aufgeteilt in zwölf Abschnitte. Enthalten sind die Ergebnisse der wissenschaftlichen Beobachtungen und detaillierte Forschungen über jeden Aspekt des geplanten Kraftwerks. Insgesamt wurde er in den vergangenen zwei Jahre drei Mal abgelehnt.

Die Crux: Ohne diesen Bericht dürfen die Bauarbeiten nicht starten (mehr hier). Erst nach seiner Genehmigung kann Atomstroyexport, der von Rosatom eingesetzte Hauptauftragnehmer für den Reaktorbau, mit weiteren Ausschreibungen von Unteraufträgen im Wert von 7,5 bis acht Milliarden US-Dollar beginnen.

Die Annahme des Berichts wurde von Umweltaktivisten und Wissenschaftlern gleichermaßen verurteilt“, berichtet die türkische Zeitung Hürriyet. Immerhin enthalte der Bericht ernste Warnungen, dass sowohl die Flora als auch das Ökosystem der Region Schaden nehmen könnten, sobald die Anlage in Betrieb gehe. Derzeit wird von einem Baubeginn Mitte 2015 ausgegangen, heißt es. Nach wie vor stehe allerdings eine Baugenehmigung aus. Bis 2023 sollen alle vier Reaktoren in Betrieb gehen.

Erst Anfang November hatte ein Amateur-Ruderer mit einer kräftezehrenden Aktion gegen die umstrittenen AKW-Pläne der türkischen Regierung protestiert. Mit seinem Boot ruderte er drei Monate an der Schwarz Meer-Küste entlang. Sein Ziel: Die Menschen auf die unberechenbaren Gefahren der Atomkraft in dieser Region aufmerksam machen (mehr hier).

Trotz lautstarker nationaler wie internationaler Kritik hält die Türkei an ihrem Atomkurs fest. Neben der Anlage in der Provinz Mersin ist ein zweites AKW in der Schwarzmeer-Provinz Sinop in der konkreteren Planung. Der Zuschlag für die Anlage mit einer Gesamtkapazität von 4.800 Megawatt ging hier an eine japanisch-französische Allianz bestehend aus Mitsubishi Heavy Industries und der französischen Firma Areva (mehr hier).

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