25 Jahre Mauerfall: Türkische Migranten empfanden Wende als Bedrohung

Deutschland feiert 25 Jahre Mauerfall. Doch für die meisten türkischstämmigen Zuwanderer waren Mauerfall und Wiedervereinigung kein freudiges Ereignis. Nur ein kleiner Teil hat im Osten neue Freunde und Geschäftspartner gefunden. Die Feierlichkeiten rund um das Jubiläum spielen für sie kaum eine Rolle.

Als Hasan Kaygusuz kurz nach der Wende als Controller nach Leipzig ging, war der Sohn eines türkischen Einwanderers für viele seiner neuen Kollegen der erste Türke, dem sie begegneten. Die Reaktionen schwankten zwischen Neugier und Ablehnung. «Einer Frau, die mich anstarrte, habe ich damals gesagt – du bist Ossi, ich bin Fernossi, zusammen kriegen wir das schon hin», erinnert sich der umtriebige Unternehmer. Er gehört zu den wenigen Migranten, die mit Mauerfall und deutscher Wiedervereinigung Positives verbinden.

Vor allem die Zuwanderer aus der Türkei und ihre Nachkommen empfanden die Wende in erster Linie als Bedrohung. Deshalb fühlen sie sich auch jetzt ausgeschlossen von der Feststimmung, die in diesen Tagen bei vielen Gedenkveranstaltungen zum 25. Jahrestag des Falls der Mauer herrscht und sich im Hinblick auf das runde Einheitsjubiläum 2015 fortsetzen soll.

Kaygusuz baut mit seiner Firma Ka-Energy Solutions GmbH heute Solarparks in Brandenburg. Ümit Çoban lebt als Immobilienunternehmer mit seiner österreichischen Frau und seinen Kindern in Dresden. Sein Freundeskreis besteht fast ausschließlich aus Deutschen. Das liegt auch daran, dass in Dresden bis heute nur sehr wenige Menschen, die aus der Türkei stammen, leben. «Bei meinem ersten Besuch 1990 war mir Dresden ein bisschen fremd, weil alles so schwarz-grau war», erinnert sich der Unternehmer kürzlich in einer Diskussionsrunde des Bundesverbandes der Unternehmervereinigungen zum Mauerfall.

Auch der Reiseunternehmer Vural Öger gewann durch die Wiedervereinigung neue Kunden dazu. «Ich war der Erste, der ab Leipzig, Erfurt und Dresden Flüge nach Antalya angeboten hat. Die Ostdeutschen waren in diesen ersten Jahren vor allem an Kulturreisen interessiert», erinnert sich Öger, der für die SPD 2004 bis 2009 im Europaparlament saß, voller Nostalgie. Dass viele Deutsche mit türkischen Wurzeln die Vereinigung von Ost und West eher als Bedrohung empfanden, kann er aber verstehen. «Das ist vor allem eine Frage unterschiedlicher sozialer Schichten», sagt er.

Die meisten Mitglieder der Vereine, die der als konservativ geltenden Türkischen Gemeinde zu Berlin angehören, sind Gastarbeiter und deren Nachkommen. Der Präsident des Dachverbandes, Bekir Yilmaz, war 1979 als 13-Jähriger nach Deutschland gekommen. Ihm fällt zum Thema «Türken und Mauerfall» vor allem ein Stichwort ein: «Arbeitslosigkeit.»

Dass heute 42 Prozent der erwerbsfähigen Migranten türkischer Herkunft in Berlin arbeitslos seien, sei auch eine Folge der Wiedervereinigung, sagt er. Der Wegfall der Berlin-Zulage und die neue Konkurrenz durch Ostdeutsche auf dem Arbeitsmarkt hätten für die türkische Gemeinde fatale Folgen gehabt.

«Im Ostteil der Stadt haben wir bis heute keine Mitgliedsvereine» fügt Yilmaz hinzu. Als die Mauer fiel, habe ihn das zunächst kalt gelassen, erzählt er. Er habe nicht das Gefühl gehabt, dass dieses Ereignis etwas mit ihm zu tun gehabt hätte. Öger, der sich damals schon sehr deutsch fühlte, war dagegen ergriffen. Er erinnert sich, «dass ich damals am 9. 11. vor dem Fernseher gesessen und richtig geheult hatte».

Eine Studie der Bundeszentrale für Politische Bildung von 2009 stellt fest, die Euphorie über den Mauerfall und die Wiedervereinigung habe 1990 eine «Nationalisierungswelle» ausgelöst. Viele Einwanderer hätten sich dadurch ausgegrenzt gefühlt. Infolgedessen hätten besonders die türkischen Migranten der zweiten Generation ihre Bestrebungen eingestellt, «so werden zu wollen wie die Deutschen», um im Gegenzug dann stärker akzeptiert zu werden.

Yilmaz hat mit der Rückbesinnung der Migranten auf ihre türkischen Wurzeln keine Probleme. Er sieht seine Aufgabe als Präsident der Türkischen Gemeinde unter anderem darin, den Enkeln der Einwanderer das kulturelle Erbe der alten Heimat näherzubringen. Damit die dritte Generation mehr als nur Küchentürkisch spricht, will er den Berliner Senat dazu bewegen, 60 Türkisch-Lehrer zu finanzieren. Durchgedrungen ist der mit dieser Forderung aber bislang nicht, was sicher auch mit dem Aufwand für die Deutsch-Sprachförderung bei Migrantenkindern zu tun hat.

Das zweite Stichwort, das Yilmaz zum Thema «Wiedervereinigung» einfällt, ist «NSU». Er glaubt, dass die rechtsextreme Mordserie der Terrorzelle «Nationalsozialistischer Untergrund», der vor allem türkischstämmige Kleinunternehmer zum Opfer fielen, letztlich auch eine Folge des Mauerfalls war. Für den Diplom-Kaufmann, der in Berlin eine Reinigungsfirma betreibt, hat der NSU-Terror auch einen persönlichen Hintergrund. Er sagt: «Ich habe vom LKA einen Brief bekommen, dass mein Name auf der Todesliste des NSU stand.»

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