Premier Davutoğlu: Frauen-Gleichberechtigung steigert die Selbstmordrate

Der türkische Premier Ahmet Davutoğlu will einen Zusammenhang zwischen hohen Selbstmordraten und der Gleichstellung von Mann und Frau erkannt haben. Damit beweist er Linientreue zu Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Der postulierte erst Ende November, dass die Gleichstellung der Geschlechter „gegen die Natur“ sei.

Premier Davutoğlu hält Feminismus offenbar für lebensbedrohlich. Im Rahmen einer Veranstaltung für Frauen in der Regierungspartei AKP suchte er kürzlich nach wissenschaftlichen Argumenten, die gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau sprechen. So fragte er sich, warum die Selbstmordrate ausgerechnet in reicheren Ländern, wie etwa in Skandinavien, höher sei als in der Türkei. Seine Antwort fällt hanebüchen aus. Dass er jedoch einem Irrtum aufgesessen ist, scheint ihn nicht zu stören.

In seinen Ausführungen am 4. Dezember erklärte der Premier, dass seiner Ansicht nach in diesen Staaten eine „mechanische Gleichsetzung“ der Geschlechter herrsche. Diese Entwicklung begännen nun „die einander ergänzenden Beziehungen des Lebens zu zerstören“. Wie kurz zuvor bereits Präsident Erdoğan sprach auch Davutoğlu von einer „natürlichen Rollenverteilung“. Frauen hätten ihm zufolge vor allem die „göttliche Mission“ der Mutterschaft zu erfüllen. Das berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.

Die Türkei sei in dieser Angelegenheit ein echter „Champion“, so Davutoğlu. Geflissentlich lässt er dabei außer Acht, dass auch sein Heimatland mit stagnierenden Geburtenraten zu kämpfen hat (mehr hier).

Der türkische Präsident sorgte Ende November während einer Veranstaltung des Frauenverbandes Kadem in Istanbul für Aufruhr. In seiner Rede machte er deutlich, dass er eine Gleichstellung von Mann und Frau für unmöglich halte. Letztere sollten sich eher daran orientieren, welche Rolle ihnen der Islam zugewiesen habe. „Sie können eine Frau nicht in die gleiche Position wie einen Mann bringen. Das ist gegen die Natur“, zitiert ihn die britische Zeitung Independent. Für Erdoğan sind das Wesen der Frauen als auch ihre körperliche Voraussetzungen völlig anders als bei Männern. Der richtigen islamischen Lebensweise entsprechend, sollte die Priorität der Frau in der Mutterschaft liegen (mehr hier).

Erdoğan beschuldigte Feministinnen, sich gegen seine Ideen und seine Politik zu stellen, indem sie „das Konzept der Mutterschaft nicht akzeptieren“. Anstelle von Gleichmacherei von Männern und Frauen forderte er zur Äquivalenz auf, so die türkische Zeitung Hürriyet. Was Frauen bräuchten, sei Gleichwertigkeit, nicht Gleichheit. Wenn wir vom Standpunkt der Gerechtigkeit aus auf Menschen blicken, können wir Diskriminierungen zwischen Mann und Frau nicht auf einem faireren, humaneren und gewissenhafteren Weg eliminieren?“, fragte der Präsident.

Die Worte des türkischen Premiers sorgen in den deutschsprachigen Medien für Verwunderung. So weist etwa Die Presse darauf hin:

Davutoglus Vergleich der Suizidrate beruht (…) auf falschen Fakten: In Schweden und Norwegen gibt es weniger Fälle als im EU-Durchschnitt. Die Suizidrate in der Türkei ist in den vergangenen 20 Jahren gestiegen, auch wenn sie niedriger ist als in vielen EU-Ländern.“

Auch die Welt empfindet seine leicht zu widerlegende Argumentation als erstaunlich“. Warum der Premier nun in die gleiche Kerbe wie der Präsident schlägt, dafür hat das Blatt folgende Erklärung:

Es scheint (…) so, als versuche die türkische Regierung ihre religiös-konservative Weltsicht als wissenschaftlich belegt und damit unausweichlich darzustellen. Davon dürfte sich die Führung in Ankara vor allem die Lösung eines anderen Problems versprechen: In der Türkei wie in Europa werden immer weniger Kinder geboren. Da könnte die Durchsetzung des traditionellen Frauenbilds Abhilfe schaffen.“

Frauenrechtsaktivisten und Anwälte kritisieren die AKP-Regierung immer wieder für ihre zunehmend konservative und autoritäre politische Kultur. In der Tat macht die Türkei in Sachen Gleichstellung derzeit keine wesentlichen Fortschritte. Zu diesem Ergebnis kommt im April dieses Jahres auch der Verein zur Unterstützung und Ausbildung von weiblichen Bewerberinnen (KA.DER). Eines der deutlichsten Merkmale für den Verein ist der so genannte Gender Gap Index des Weltwirtschaftsforums. Dieser bewertet die Gleichstellung der Geschlechter in Bezug auf Wirtschaft, Bildung, Politik und Gesundheit. Die Türkei schafft es 2013 in diesem Ranking allerdings nur auf Platz 120 von 136 Staaten. Unter dem Aspekt der Beteiligung von Frauen in der Politik steht es nicht wesentlich besser. Hier kommt die Türkei auf Position 103 (mehr hier).

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