Türken können sich für rund 6.500 Euro vom Wehrdienst „freikaufen“

Zum Stichtag 1. Januar 2015 können sich türkische Männer für umgerechnet rund 6500 Euro vom obligatorischen Wehrdienst „freikaufen“. Die Regelung gilt für alle, die über 27 Jahre alt sind. Für das damit erwirtschaftete Geld hat die türkische Regierung bereits Pläne. Es soll in den Verteidigungssektor fließen.

Wie der türkische Premier Ahmet Davutoğlu in dieser Woche bekanntgab, gibt es ab Beginn des kommenden Jahres für alle türkischen Männer über 27 Jahren die Möglichkeit zu bezahlen, anstatt zum Militär zu gehen.

Bislang müssen nach geltendem türkischen Recht alle Männer bis 41 Jahren ihren Wehrdienst ableisten. Alternativen gibt es für sie nicht. Eine Verweigerung ist ausgeschlossen, ein Ersatzdienst wird nicht angeboten. Künftig ist die einjährige Dienstzeit mit der Zahlung von 18.000 Türkischen Lira obsolet, so die Turkish Weekly. Davutoğlu zufolge müssen sie stattdessen lediglich eine mehrwöchige Grundausbildung absolvieren. Noch im Oktober hatte er sich hierzu völlig anders geäußert, so die türkische Zeitung Hürriyet.

Dass rege von der neuen Option Gebrauch gemacht wird, dessen ist sich der Premier bereits sicher. Er schätzt, dass es sich um gut 700.000 Wehrpflichtige handeln wird. Das durch sie eingenommene Geld solle anschließend in den Verteidigungssektor fließen.

Ähnliche Optionen gibt es bereits für Türken, die schon länger als drei Jahre im Ausland leben. Bereits im Juli 2013 entschied der türkische Ministerrat, dass sie keinen Wehrdienst ableisten müssten. Voraussetzung hierfür: Sie müssen Devisen in Höhe von umgerechnet 6.000 Euro zahlen. Umgangen werden kann auf diesem Weg auch die dreiwöchige Grundausbildung.

Im kommenden Jahr stehen in der Türkei die Parlamentswahlen an. Schon vor drei Jahren hatte die Türkei bereits zeitweise einen Freikauf erlaubt. Damals konnten Männer ab 30 Jahren gegen eine Zahlung von 12.200 Euro vom Wehrdinest ausgenommen werden. Erst im vergangenen Januar wurde der für alle Männer ab 18 Jahren geltende Wehrdienst schließlich von 15 auf zwölf Monate verkürzt (mehr hier).

Dass das türkische Militär zuweilen ein hartes Pflaster ist, ist hinreichend bekannt. Ende 2012 wurde erstmals damit begonnen, Menschenrechtsverstöße im türkischen Militär aufzuzeichnen. Gesammelt wurden Beschwerden über Verletzungen der Rechte während der Wehrpflicht über die Webseite askerhaklari.com. Das Ergebnis: 32 Soldaten haben während ihrem Wehrdienst beim türkischen Militär aus „verdächtigen Gründen“ Selbstmord begangen (mehr hier).

Für großes mediales Aufsehen sorgte im Jahr  2011 der Fall eines türkischen Soldaten, der nach Misshandlungen durch seinen Vorgesetzten 80 Tage lang im Koma lag und schließlich verstarb (mehr hier). Uğur Kantar, der seinen Militärdienst als Gefreiter in der Türkischen Republik von Nordzypern ableistete, soll nicht das einzige Opfer gewesen sein. Nach Schilderungen des Vaters habe der junge Mann drei Tage ohne Essen und Trinken ausharren müssen. An einen Stuhl gefesselt hätte man ihn viele Stunden in der prallen Sonne stehen lassen. Das Militär leitete darauf hin eine Untersuchung ein (mehr hier).

Kritik an der aktuellen Regelung kam unterdessen bereits von Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu (CHP). Er ist der Ansicht, dass auf diese Weise Söhne reicher Familien bevorzugt würden.

Mehr zum Thema:

Türkische Männer können sich bald vom Wehrdienst freikaufen
Türkei: Europarat fordert Recht auf Kriegsdienstverweigerung
Neues Gesetz zum Militärdienst tritt Ende des Monats in Kraft

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.