Angst um die eigene Sicherheit: Jüdische Bevölkerung kehrt der Türkei den Rücken

Offenbar verlassen derzeit vermehrt jüdische Mitbürger die Türkei. Grund dafür sollen zunehmende Bedrohungen und Attacken gegen sie sein. Über eine Auswanderung denken aber nicht nur junge Studenten und Absolventen nach, auch Geschäftsleute würden mittlerweile verstärkt nach Alternativen suchen.

Über die sich wandelnde Stimmung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in der Türkei hat am 10. Dezember der bekannte Geschäftsmann Mois Gabay in einer in Istanbul beheimateten jüdischen Zeitung berichtet.

Drohungen, Übergriffe und Schikanen erleben wir jeden Tag. Die Hoffnung verblasst“, so Gabay in seinem Beitrag für die Şalom. Der Tourismusfachmann sagt, dass es derzeit eine wachsende Anzahl türkischer Juden gebe, die sich überlegten, mit ihren Familien ins Ausland zu gehen. Der Grund: In der Türkei würden sie sich nicht sicher und unter Druck gesetzt fühlen.

Rund 37 Prozent der Abiturienten aus der jüdischen Gemeinde in der Türkei bevorzugen es, für ihre Hochschulbildung ins Ausland zu gehen. (…) Im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren hat sich ihre Zahl verdoppelt“, sagt Gabay. Doch es seien nicht nur Studenten, die es verstärkt in die Ferne ziehe, um sie andernorts mit ihren Familien ein neues Leben aufzubauen. Auch junge Geschäftsleute würden sich vermehrt mit diesem Gedanken befassen, schreibt er. „Vergangene Woche sprach ich mit zwei meiner Freunde. Am Ende drehten sich die Gespräche darum, in welches Land man auswandern könnte. Das heißt, meine Generation denkt mehr über das Verlassen dieses Landes nach“, schreibt er weiter.

Gabays Beitrag erschien nur wenige Tage nach einem verbalen Angriff auf die Neve-Shalom-Synagoge (Neve Şalom Sinagogu) im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu. Auf das größte Gotteshaus der Juden in der Türkei wurden bereits dreimal, nämlich im Jahr 1986, 1992 und 2003, terroristische Anschläge verübt. Am Eingang der Synagoge fand sich nun vor rund zwei Wochen ein Zettel, auf dem der Abriss des Hauses gefordert wurde. Der Absender ist unbekannt. Später habe die Alperen Ocakları, die Jugendgruppe der ultranationalistischen Großeinheitspartei (BBP) versucht, im Rahmen eines eines Protestmarsches zur Synagoge zu gelangen, berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.

In einem kürzlichen Interview mit der Zeitung Radikal merkte Gabay an, dass Gesetzesänderungen und die Anerkennung von Verbrechen aus Hass im türkischen Strafgesetz zum Schutz der jüdischen Gemeinde in der Türkei nicht ausreichen würden. „Die Gesetze haben sich geändert. Hassreden sind jetzt ein Verbrechen, aber wann wurde jemals ein Verfahren wegen einer Hassrede gegen unsere Gemeinschaft eröffnet?“, so Gabay. Dafür mache er die türkische Regierung jedoch nicht allein verantwortlich. Vielmehr sollten die Opposition, die Zivilgesellschaft, die Gewerkschaften und die demokratische Öffentlichkeit „ein Schild“ für sie sein. Sie sollten seiner Ansicht nach ein Auge auf solche Vorkommnisse haben und nicht auf ein furchtbares Verbrechen warten. Ihm zufolge sei jedoch das Gegenteil der Fall. Die täglichen Bedrohungen hätten sich aufgrund der weit verbreiteten Nutzung von Social Media in der Türkei sogar erhöht.

Erst am 21. November sorgte Dursun Ali Şahin, Gouverneur der nordwestlichen Provinz Edirne, für Entsetzen, als er vorschlug, die Büyük Sinagog, Baujahr 1907, zu schließen und nur noch als Museum zu nutzen. Geschehen sollte das als Strafe für angebliche »Aktionen«, die Israel gegen die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem plane, so die Jüdische Allgemeine. Es sei ungerecht, so wurde der Gouverneur, dass die Türkei in jüdische Stätten investiere, während Israel angeblich heilige muslimische Stätten verletze, schreibt das Blatt weiter. Für sein Ansinnen erntete der Gouverneur international Kritik. Auch innerhalb der Türkei sorgte sein Vorschlag für Unmut. Aykan Erdemir, Abgeordneter der oppositionellen Republikanischen Volkspartei, forderte, dass Şahin entweder zurücktreten oder zur Aufgabe seines Postens gezwungen werden solle, »um die Ehre des Amtes und der Türkei zu retten«. Antisemitismus sei in der Türkei ein weit verbreitetes Problem, wurde Erdemir weiter zitiert. Im Augenblick leben dem Blatt zufolge etwa 26.000 Juden in der Türkei.

Şahin entschuldigte sich später öffentlich beim türkischen Oberrabbiner. Er gab an, dass sein Vorschlag „keine Verbindung“ zur jüdischen Gemeinschaft des Landes habe.

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