Das Schicksal des Jahres 2014: Prügelopfer Tuğçe wird zur Ausnahmeperson gemacht

Mitten in der Nacht ist es in Offenbach passiert: Ein Schlag, ein Sturz. Das Schicksal der jungen Studentin Tuğçe ist besiegelt. Bei einem Streit vor einem Schnellrestaurant wird sie getötet. Zehntausende bewegt ihr Schicksal über Wochen. Doch die Anteilnahme hat auch Schattenseiten. Experten warnen in Fällen wie diesem vor Vorverurteilungen.

Tuğçe lächelt. Sie lächelt eigentlich überall. Auf den T-Shirts mit ihrem Foto, auf den selbstbemalten Plakaten und in all den Zeitungen, die wochenlang im ganzen Land über sie berichteten. Und über den 18-Jährigen, der sie in den Morgenstunden des 15. November vor einem Offenbacher Fast-Food-Laden in den Tod geprügelt haben soll.

Auch vom Mut wurde viel geschrieben – vom Mut, mit dem Tuğçe Albayrak nur Momente vor dem Schlag einen Streit an der Toilette des Imbisses geschlichtet haben soll. Doch geklärt war das nach der Tat lange nicht. Ebenso war unklar, ob Tuğçe durch den Schlag oder durch den Aufprall auf das Pflaster tödlich verletzt wurde. Der Wiesbadener Kriminalpsychologe Rudolf Egg empfiehlt: «Man muss generell aufpassen, dass man sich nicht eine Meinung bildet, bevor alles aufgeklärt wird.»

Ein Video soll die fatalen Momente zeigen. Minutenlang zu sehen ist der Versuch von Freunden, den Wutausbruch des 18-Jährigen zu bändigen. Zu sehen ist, wie die Situation eigentlich bereits bereinigt ist, als Tuğçe das Restaurant verlässt und den Parkplatz betritt. Und es scheint auch zu sehen zu sein, wie der Schläger auf sie zugeht, wie er ausholt, wie sein Opfer umkippt und sich nicht mehr bewegt. Das ganze grobkörnig und nicht wirklich genau zu erkennen.

Tuğçe wacht aus dem Koma nicht mehr auf. Knapp zwei Wochen später, an ihrem 23. Geburtstag, werden die lebenserhaltenden Maschinen im Offenbacher Klinikum abgeschaltet, während sich vor dem Fenster etwa 1500 Menschen in Andacht an die junge Frau aus dem osthessischen Gelnhausen versammeln. Sie hat einen Organspende-Ausweis und kann so auch über ihren Tod hinaus anderen helfen.

Als «Heldin» wird Tugce gefeiert, als «Engel» und «Vorbild». Auf Facebook bekunden Tausende ihren Schmerz. Auf dem Friedhof in Tuğçes Geburtsort Bad Soden-Salmünster nehmen mehrere Hundert Menschen an einer bewegenden Trauerfeier teil – darunter der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Kommunalpolitiker wollen in Offenbach eine Brücke nach der jungen Studentin aus Gelnhausen benennen. Ein Fußballspieler erinnert beim Torjubel an ihren Einsatz, und eine Petition für das Bundesverdienstkreuz unterzeichnen mehr als 215 000 Menschen. Sogar der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hat den trauernden Eltern sein Beileid ausgesprochen. Die tragischen Momente in jener Offenbacher Nacht haben Tuğçe zu einer Ausnahmeperson gemacht.

Warum eigentlich? Die öffentliche Trauer zeige den starken Wunsch nach einer Heldin, sagt der Offenbacher Psychologe Werner Gross der Deutschen Presse-Agentur. «Jemand verhält sich so, wie es viele eben nicht tun.» Diese Erkenntnis löse starke Emotionen aus, multipliziert durch die Verbreitung in den sozialen Netzwerken. Die öffentlich geweinten Tränen seien ein Ventil.

Kriminologen wie Arthur Kreuzer aus Gießen warnen vor falschen Schlussfolgerungen. Tuğçe sei angesichts der Fülle an offenen Fragen zu früh zur Heldin stilisiert worden. «Symbolfigur – da wäre ich erst mal vorsichtig», sagt Kreuzer.

Kriminalpsychologe Egg zeigt sich zwar überzeugt, dass sich das Gericht bei einem Prozess nicht von der öffentlichen Anteilnahme und den Vorwürfen beeinflussen lassen würde. Allerdings warnt er auch: «Ein Urteil kann wegen des jugendlichen Alters des mutmaßlichen Täters und vieler offener Fragen deutlich geringer ausfallen, als man das derzeit vielleicht noch erwartet.»

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