Twitter-Studie: So aktiv sind türkische Parlamentarier

Wie eine aktuelle Untersuchung durch die Universität Istanbul ergeben hat, gibt es unter den 536 Mitgliedern des türkischen Parlaments derzeit 470 aktive Twitter-Nutzer. Die übrigen 66 Mitglieder haben keine Twitter-Accounts oder hatten ihre Konten deaktiviert. Das Interesse am Microblogging-Dienst scheint also nach wie vor beträchtlich - und das, obwohl der türkische Präsident spätestens seit dem Frühjahr einen rigiden Kurs gegen die sozialen Medien fährt.

Die Universität Istanbul hatte die Twitter-Aktivitäten der Parlamentarier gemeinsam mit dem Unternehmen DNA 360 im Monat November untersucht. Die aktiven Twitter-Nutzer setzten sich aus den 401 männlichen und 69 weiblichen Mitglieder des Parlaments zusammen.

Obschon die weiblichen Twitter-Nutzer im türkischen Parlament deutlich in der Unterzahl sind, gaben sie im Rahmen der Untersuchung jedoch das aktivere Bild ab, so die türkische Zeitung Sabah. Insgesamt habe die Regierungspartei AKP mit 263 Benutzern und mehr als 16,5 Millionen Anhängern die aktivsten Twitter-Nutzer vorzuweisen, gefolgt von CHP, MHP und HDP.

CHP-Chef  Kemal Kılıçdaroğlu erwies sich als der am meisten gefolgte Parteichef im gesamten Untersuchungszeitraum. Er hatte 2,4 Millionen Anhänger, gefolgt von Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu mit 2,1 Milionen Anhängern. MHP-Chef Devlet Bahçeli brachte es im fraglichen Zeitraum auf immerhin 1, 27 Millionen Anhänger. Die Studie zeigte auch, dass die ehemalige CHP-Abgeordnete Emine Ülker Tarhan, die meist gefolgt Politikerin im Parlament ist. Sie verfügte zum Studienzeitpunkt über 1,39 Millionen Anhänger. Abgehängt werden sie jedoch durch den türkischen Präsidenten Erdoğan, der zum Stichtag 17. Dezember auf 5,32 Millionen Follower kommt.

Auch im internationalen Vergleich spielen die türkischen Politiker oben mit. So ergab bereits eine E-Diplomatie-Analyse der Nachrichtenagentur AFP aus dem Jahr 2012, die die weltweite Präsenz und Schlagkraft der diplomatischen Akteure auf Twitter untersucht, Spitzenpositionen. So landete der damalige türkische Präsident Abdullah Gül mit seinen zu jener Zeit rund 2,3 Millionen Followern im Gesamtklassement auf Position acht unter den einflussreichsten Diplomaten auf Twitter. Doch auch andere türkische Politiker tummelten sich in der Auswertung ganz weit vorne. So lag der damalige Premier Recep Tayyip Erdoğan zum Zeitpunkt der Auswertung auf Platz zwölf. Etwas weiter hinten, auf Position 78, fand sich der einstige türkische EU-Minister Egemen Bağış. Der damals amtierende Außenminister Ahmet Davutoğlu brachte es immerhin auf Platz 87 (mehr hier).

Das Verhältnis der türkischen Regierung zu Twitter ist jedoch ausgesprochen ambivalent, wie die Ereignisse des vergangenen Frühjahrs offenbarten. Der neue türkische EU-Minister Volkar Bozkır hatte erst kürzlich eingeräumt, dass die Twitter-Blockade durch die türkische Regierung ein Fehler gewesen sei. Die Folgen seien für sein Land fatal. Nun müsse der Imageschaden wieder ausgebügelt werden (mehr hier).

Die Türkei hatte den Kurznachrichtendienst Twitter am 20. März dieses Jahres nur Stunden nach einer Ankündigung Erdoğans blockiert. Der damalige Premier sagte, es sei ihm egal, was die internationale Gemeinschaft über ihn denke (mehr hier). Einen Hehl daraus, was er vom Internet und insbesondere den Sozialen Medien halte, machte Erdoğan nie. In den darauffolgenden Wochen hagelte es internationale Kritik. Erst am 3. April wurde die Twitter-Blockade aufgehoben. Das türkische Verfassungsgericht hatte sich in den Fall eingeschaltet und das Verbot als eine Verletzung der Meinungsfreiheit bezeichnet (mehr hier).

Ein türkisches non-profit Think-Tank stellt dem eigenen Land erst Anfang des Jahres ein miserables Zeugnis aus. Einem entsprechenden Report zufolge rangiert die Türkei beim Thema Internetzensur schon jetzt direkt hinter China und schafft es damit auf Platz zwei weltweit. Auch der Internetriese Google kam im vergangenen Dezember auf eine derart drastische Einschätzung und stellte die Türkei ebenfalls auf eine Stufe mit China. Kein anderes Land sei im Jahr 2013 häufiger mit Zensurwünschen an das Unternehmen herangetreten, als die Türkei. Insgesamt 1.673 Mal baten die türkischen Behörden um eine Löschung von Links (mehr hier).

Hier geht es zur gesamten Untersuchung.

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