Türkei: Wirtschaftliches Tor des Westens nach Nahost und Asien

Seit Anfang Dezember hat die Türkei den Vorsitz der G20-Staaten. Das Land steht nun für ein Jahr symbolisch für die 20 wirtschaftsstärksten Nationen der Welt, deren Staatschefs sich im kommenden Jahr in der Türkei treffen. Trotz der andauernden Konflikte in der Region, konnte sich die Volkswirtschaft Ankaras gegen alle negativen Einflüsse wehren: Selbst eine ständige Vertretung der G20-Staaten in der Türkei scheint denkbar. Unter türkischer Führung sollen besonders Entwicklungs- und Schwellenländer in die Arbeit der G20 mit einbezogen werden.

Der Präsident der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer, Rolf Königs, sieht das Land auch in Zukunft auf dem wirtschaftlichen Vormarsch. Er sprach mit den Deutsch-Türkischen Nachrichten über die wirtschaftlichen Chancen und Ziele der Türkei.

Deutsch Türkische Nachrichten: Die Türkei hat seit Anfang dieses Monats den Vorsitz der G20 Staaten übernommen. Ein Punkt auf der Agenda soll die bessere Zusammenarbeit mit Schwellen- und Entwicklungsländern sein. Wie wird die Türkei dieses Vorhaben umsetzten?

Königs: Seit dem Gipfel in Pittsburgh im Jahr 2009 sind die G20 das zentrale informelle Forum für die internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit. Es war schon immer Ziel dieser Gruppe, ihre starke Position in der Weltwirtschaft auch zu nutzen, um globale Entwicklungsziele zu definieren und umzusetzen. Dass die Türkei angekündigt hat, diesem Thema während ihres Vorsitzes besondere Aufmerksamkeit zu widmen, ist zu begrüßen. Die wirtschaftliche Lage von Schwellen- und Entwicklungsländern betrifft nicht nur die Menschen, die dort leben, sie hat auch einen Einfluss auf die globale Wirtschaft und die Beziehungen aller Staaten untereinander.

Die Türkei wird von Analysten zum Teil selbst noch als Schwellenland bezeichnet. Mit ihrem beispielhaften Wirtschaftswachstum geht auch eine neue Rolle als Vorbild für andere Länder einher. Der stellvertretende Ministerpräsident Ali Babacan hat deshalb angekündigt, dass die G20-Agenda unter dem Vorsitz der Türkei von den drei „I“s geprägt sein wird: Implementation der Ergebnisse des letzten Gipfels in Brisbane, Förderung von Investitionen vor allem in die weltweite Infrastruktur und Inklusion. Letzteres bezieht sich vor allem auf Schwellen- und Entwicklungsländer und bedeutet nicht nur, dass die Rolle dieser Länder in der internationalen Wirtschaft gestärkt werden soll, sondern dass auch auf nationaler Ebene alle Bevölkerungsschichten dieser Länder von ökonomischen Entwicklungen profitieren sollen.

Die Regierung hat bereits verlauten lassen, dass die Interessen und Bedürfnisse der am wenigsten entwickelten Länder auf der Agenda des Gipfels in Antalya am 15. und 16. November 2015 stehen werden. Ministerpräsident Prof. Ahmet Davutoğlu hat außerdem kritisiert, dass die Lage von Flüchtlingen weltweit in Brisbane nicht detailliert genug angesprochen wurde. Auch dies könnte also ein weiteres Thema auf der türkischen Agenda sein. Die Türkei hat außerdem die Möglichkeit, im Rahmen des so genannten „Outreach“ verstärkt internationale und zivilgesellschaftliche Organisationen aus dem Bereich der Entwicklungszusammenarbeit am Gipfel zu beteiligen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Die Türkei setzt sich auch für eine ständige Repräsentanz der G20-Staaten in Istanbul ein. Was soll das bezwecken und hat die Türkei dadurch Vorteile?

Königs: Damit möchte die Türkei die Zusammenarbeit mit den Staaten der G20 langfristig stärken und ein permanentes internationales Wirtschaftsforum unter Führung der Türkei schaffen. Dieser Wunsch fügt sich sehr gut mit dem offiziellen Ziel der türkischen Regierung, bis zum 100-jährigen Bestehen der Republik im Jahr 2023 zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt zu gehören – momentan befindet sich die Türkei an 17. Stelle.

Die Türkei spielt eine immer stärkere Rolle in ihrer Region, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Sie wird außerdem zunehmend als wichtiger Vermittler der europäischen Wirtschaftsinteressen im Nahen Osten und Asien gesehen. Insofern ist es nur verständlich, dass die Türkei die internationale Kooperation stärken und durch eine Repräsentanz der G20-Staaten vor Ort einen stärkeren Einfluss auf die Agenda ausüben möchte.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Lage der Türkei in naher Zukunft ein, auch in Hinblick auf die politisch instabile Lage in der Region?

Königs: Für das laufende Jahr rechnet die Regierung mit einem Wachstum der Wirtschaft von fünf Prozent. Auch für die kommenden drei Jahre sind auch durch die OECD mindestens vier Prozent vorausgesagt. Wachstumsraten von zehn Prozent, wie sie die Türkei noch vor einigen Jahren erlebt hat, sind auf Dauer nicht erreichbar. Die positive Prognose für die kommenden Jahre zeigt aber, dass sich die positive Entwicklung stabilisiert hat und auch mittelfristig mit einem Wachstum zu rechnen ist, von dem viele europäische Länder deutlich entfernt sind.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie würden Sie zurzeit die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Türkei und der Bundesrepublik bezeichnen?

Königs: Stabil wachsend, und das andauernd seit etwa zehn Jahren. Im vergangenen Jahr betrug das Handelsvolumen zwischen unseren beiden Ländern 34 Milliarden Euro. Deutschland ist mit Waren im Wert von über 12 Milliarden Euro der wichtigste Abnehmer türkischer Produkte und mit einem Volumen von über 21 Milliarden Euro nach Russland das wichtigste Lieferland der Türkei. Aufgrund der langjährigen, intensiven Beziehungen unserer Länder, die sich nicht nur auf die Wirtschaft beziehen, wird dies auch langfristig so bleiben. Es sind inzwischen 6.000 Unternehmen mit deutscher Beteiligung in der Türkei aktiv, und hierzulande sprechen wir von 92.000 türkeistämmigen Unternehmern mit 450.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 45 Milliarden Euro. Unsere Beziehungen sind also ein wichtiger Faktor der deutschen und türkischen Wirtschaft.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie werden sich diese Beziehungen in näherer Zukunft voraussichtlich entwickeln? Ist eine Prognose möglich oder ein Trend erkennbar?

Königs: Durch den laufenden EU-Beitrittsprozess der Türkei wird das Land noch näher an Europa gebunden. Davon profitieren auch die deutsch-türkischen Beziehungen. In den vergangenen Jahren wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen für ausländische Investoren in der Türkei ständig verbessert und auch aufgrund der steigenden Bedeutung der Türkei in der Region nimmt das Interesse deutscher Unternehmer weiter zu.

Russland hat gerade angekündigt, dass die geplante Gas-Pipeline „South Stream“ in die Türkei führen soll und das Land eine wichtige Rolle beim Absatz des Gases auf dem europäischen Markt spielen wird. Gleichzeitig gewinnt die Türkei für den Energiesektor an Bedeutung, wie das seit vergangenem Jahr tagende, von den Energieministerien beider Länder einberufene Deutsch-Türkische Energieforum zeigt. Ein Wachstumsmotor der wirtschaftlichen Beziehungen der Türkei mit Deutschland und anderen europäischen Ländern ist also die Energie, aber auch in anderen Branchen wird das gegenseitige Interesse weiter steigen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Was würde ein Beitritt in die EU für die Türkei zurzeit wirtschaftlich bedeuten?

Königs: Der Beitrittsprozess führt in erster Linie zu einer Annahme des acquis communautaire, also des EU-Rechts, in der Türkei. Dies geht einher mit noch weiter steigender Rechtssicherheit für ausländische Investitionen und der Harmonisierung der rechtlichen Rahmenbedingungen. Langfristig wird der Beitritt also noch mehr Investoren in das Land locken.

Gleichzeitig wäre durch einen Beitritt mit der Visumsfreiheit für türkische Staatsbürger endlich ein großes Hindernis für Investoren abgebaut. Während deutsche Unternehmer ohne großen administrativen Aufwand ein Unternehmen in der Türkei gründen können, müssen türkische Staatsbürger selbst, wenn sie nur zu Geschäftsgesprächen in die EU einreisen möchte, aufwändig und langwierig ein Visum beantragen. Das Interesse türkischer Unternehmer an Investitionen in Europa ist, angesichts dieser Hürden, trotzdem erstaunlich hoch. Ein EU-Betritt der Türkei, und damit einhergehend eine Abschaffung der Visumspflicht, würde also die unternehmerische Aktivität von Türken in der Europäischen Union erhöhen und damit langfristig auch die wirtschaftliche Entwicklung im Inland positiv beeinflussen.

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