Rat für Migration: Menschenfeindliche Aufmärsche in Deutschland entbehren jeder Vernunft

In Anbetracht der anhaltenden islamfeindlichen Aufmärsche in Deutschland hat sich nun der Rat für Migration zu Wort (RfM) gemeldet und diese entschieden verurteilt. Sie würden getragen von menschenfeindlichen Meinungen über Asylbewerber, Flüchtlinge und vor allem einer verallgemeinernden Abwertung von Muslimen. Die Fokussierung auf eine religiöse Minderheit und infame Unterstellung einer „Islamisierung des Abendlandes“ widerspreche nicht nur den Tatsachen, sondern auch den zivilisatorischen Fortschritten der vergangenen Jahre.

Der  bundesweite Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mahnt an, dass gerade in Deutschland Sensibilität herrschten sollte, wenn eine religiöse Minderheit zum Sündenbock für strukturelle Probleme gemacht werde. Wo im Vorfeld des Nationalsozialismus vor der „Verjudung“ der deutschen Gesellschaft gewarnt worden sei und der Druck und die Krisen der Weltwirtschaftskrise sich gegen eine religiöse Minderheit kanalisierten, werde heute eine „Islamisierung des Abendlandes“ mit einer Propaganda herbeifantasiert, die sich gegen jede Vernunft abschotte.

In ihrem Schreiben, das den Deutsch Türkischen Nachrichten vorliegt, weisen Dr. Naika Foroutan, Prof. Dr. Werner Schiffauer und Prof. Dr. Andreas Zick darauf hin, dass der Verweis auf den Islam als Kernproblem dazu diene, mit einem gesellschaftlich abrufbaren Feindbild die Heterogenität der Unsicherheiten zu überdecken und eine Aktionseinheit herzustellen. Hierzu schreiben sie:

„Die Angst vor einer ‚Überfremdung‘ der Gesellschaft formuliert ein vermeintlich auf der nationalen Ebene lösbares Problem (weniger Fremde reinlassen), während internationale Konflikte wie die Euro-Krise, die auseinanderdriftende Schere zwischen reich und arm oder die IS-Gräueltaten als unlösbar erscheinen. Die falsche Problemdiagnose lenkt von der Suche nach Lösungen für die realen Probleme ab, die in Angst vor Altersarmut, sozialem Abstieg oder der Bewältigung der Herausforderungen durch Zuwanderung liegen können. Auch der Anpassungsdruck an ein als Einwanderungsland definiertes Deutschland und ein jahrelang ignoriertes und nicht bearbeitetes rassistisches Reservoir an Stereotypen zählen dazu.“

Das von einigen Politikern formulierte Credo, man müsse die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen, führt in die Irre, wenn man sich an den tatsächlich artikulierten und verbalisierten Ängsten orientiere, so die drei Wissenschaftler (mehr hier). Diesen liege vielmehr vor allem ein großes Wissensdefizit zugrunde, was Aussagen wie die Angst vor einer Unterwanderung durch den Islam nahe legten oder die Vorstellung, dieser könne Staatsreligion in Deutschland werden. Sachsens Innenministerium will nun via Twitter für Aufklärung sorgen (mehr hier).

Die Autoren verweisen abschließen auf ein Zitat aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das ihrer Ansicht nach den Kern der aktuellen Ereignisse am besten trifft:

„Nicht die Islamisierung des Abendlandes ist deshalb die größte Gefahr für die Demokratie in Deutschland und anderswo. Sondern die Verdummung.“

Der Rat für Migration ist ein bundesweiter Zusammenschluss von 79 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen. Seine zentrale Aufgabe sieht der RfM unter anderem darin, politische Entscheidungen und öffentliche Debatten über Migration, Integration und Asyl kritisch zu begleiten.

Unterdessen hat der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir Forderungen nach einem Dialog mit dem nichtextremistischen Teil der «Pegida»-Demonstranten zurückgewiesen. Er halte nichts von «so einer weinerlichen Haltung im Umgang mit „Pegida“», sagte er am Montag im RBB-Sender Radio eins. «Klartext ist angesagt und nicht dieses Gesülze, was ich da zum Teil höre von manchen Kollegen von mir.»

Er verstehe, wenn jemand seine Sorgen zum Ausdruck bringen wolle. «Aber man hat schon auch die Aufgabe zu schauen, welche Parolen neben einem gerufen werden und was auf den Plakaten steht, neben denen man läuft», sagte Özdemir.

Der in Deutschland geborene Politiker mit türkischen Wurzeln warf den Demonstranten pauschale Ablehnung von Migranten und Muslimen vor. Sie wollten die deutsche Gesellschaft ändern. «Ich sehe nicht, dass man da ernsthaft politische Konzessionen machen könnte. Welcher Art denn? Da ist bitte schön angesagt, dass der Rechtsstaat sich auf seine Hinterfüße stellt und sagt: Deutschland ist eine offene Gesellschaft.»

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