Nagelbombenanschlag von Köln: Für Anwohner ist das Kapitel noch lange nicht abgeschlossen

Im Sommer des Jahres 2004 erlangte die Kölner Keupstraße traurige Bekanntheit durch den Nagelbombenanschlag. Damals wurden 22 Menschen verletzt. Ab kommenden Montag ist der Anschlag Thema im Münchner NSU-Prozess. Für viele Bewohner und Händler der Straße ist das Thema noch lange nicht abgeschlossen.

Die Suche nach der Wahrheit wird noch lange dauern. (Screenshot YouTube)

Die Suche nach der Wahrheit wird noch lange dauern. (Screenshot YouTube)

Auf der kleinen Einkaufsstraße in Köln-Mülheim wirkt alles normal an diesem Morgen. Konditoreien mit süßen Backwaren im Fenster fahren ihre Markisen aus. Döner-Läden stellen ihre Schilder auf den Bürgersteig. Doch Normalität herrscht auf der Keupstraße schon lange nicht mehr: Seit dem Bombenanschlag am 9. Juni 2004, als mehr als 700 Zimmermanns-Nägel wie Projektile durch die Luft zischten und 22 Menschen verletzten, ist für die Bewohner und Händler auf der Straße, die im Kölner Volksmund «Klein Istanbul» genannt wird, alles anders.

«Eigentlich hat der Anschlag sieben Jahre lang gedauert», sagt Meral Sahin. Die heute 43-Jährige stürzte damals in Panik aus ihrem Deko-Laden für Hochzeitsartikel. Sie wollte sehen, was passiert war. Mit ihrer Aussage spielt sie auf die folgenschwere Zeit nach dem Attentat an: Sieben Jahre lang glaubte die Kölner Polizei nicht an einen terroristischen Hintergrund, tippte stattdessen auf Schutzgelderpressung oder eine Familienfehde.

«Geschäftsleute wurden in dem Glauben gelassen, es war der eigene Nachbar», sagt Sahin. «Die Straße lag wirtschaftlich am Boden». Erst Ende 2011 stellte sich heraus, dass die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wohl auch für diesen Anschlag verantwortlich waren. Seitdem erholt sich die Einkaufsmeile langsam wieder.

Ab Montag (12. Januar) dreht sich im Münchner NSU-Prozess alles um den Nagelbombenanschlag in Köln. Mindestens ein Monat ist für die Aufarbeitung nach Angaben des Oberlandesgerichts eingeplant. Als erster Zeuge ist ein Ermittler des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen geladen. An den folgenden Verhandlungstagen sollen Opfer, Ärzte und Gutachter zu Wort kommen.

Meral Sahin wird dann ebenfalls im Gerichtssaal sein. Seit einem Jahr ist sie Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße. Gemeinsam mit einem anderen Verein hat sie sechs Busse organisiert für alle, «die dieser Frau ins Gesicht sehen wollen». Gemeint ist die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe. Den Namen spricht Sahin nur ungern aus. «Ihre Figur nimmt ohnehin genug Raum ein.»

Dass die Hauptangeklagte im NSU-Prozess ihr Schweigen brechen wird, das glaubt auf der Keupstraße indessen niemand. Mundlos und Böhnhardt, die auf Überwachungsvideos vom Kölner Tatort deutlich zu erkennen sein sollen, können hingegen nicht zur Aufklärung beitragen: Sie leben seit November 2011 nicht mehr. Für Meral Sahin ist das jedoch ein unbedeutendes Detail. Sie ist sicher: «Die Haupttäter sind definitiv nicht tot – und noch nicht mal im Knast.» Zu viele Anschläge gingen auf das Konto des Nationalsozialistischen Untergrunds. «Das können die Drei unmöglich allein gewesen sein.»

Der Bezirksbürgermeister in Köln-Mülheim, Norbert Fuchs (SPD), erhofft sich von dem Prozess in München Aufklärung. «Die Keupstraße wird immer gleich mit dem Anschlag in Verbindung gebracht. Diese traurige Bekanntheit tut ihr nicht gut.» Ihn treibt nach all den Jahren vor allem die Frage nach möglichen Hintermännern um. «Unter den Tätern muss jemand gewesen sein, der die örtlichen Gegebenheiten kannte. Wenn nicht endlich ans Licht kommt, wer das war, kehrt nie Ruhe ein, das Misstrauen im Viertel wird bleiben.»

Um die Ermittlungen zum Anschlag hatte es in der Vergangenheit immer wieder Kontroversen gegeben, auf eine Panne folgte die nächste, räumten Ermittler Jahre später schließlich ein, so die dpa. «Wir müssen alle aus der Vergangenheit lernen und versuchen, aus dem Attentat gestärkt hervorzugehen», sagt Sahin. Eine explizite Entschuldigung der Ermittler ist in ihren Augen aber nicht mehr nötig. «Bei einem Fest in der Straße im vergangenen Jahr hat das Landespolizei-Orchester NRW gemeinsam mit dem türkischen Staatsorchester gespielt. Und alle haben auf türkisch gesungen. Das sagt doch mehr aus als tausend Worte.»

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