Juden in Deutschland: «Ich bin vorsichtiger geworden»

Von «zwei der größten Übel unserer Zeit» spricht Angela Merkel, vom mörderischen Islamismus und dem Judenhass. Nach den Massakern von Paris versuchen Deutschlands Juden ihre Ängste zu benennen.

Nein, die Koffer sind nicht gepackt, sagt Sergey Lagodinsky. Und auch das «Katastrophendenken» halte sich unter Deutschlands Juden in Grenzen. Doch eine gewisse Sorge bewegt den Berliner Rechtsanwalt dann doch. Für viele Juden sei der Sommer 2014 «ein Zeichen der Wende» gewesen. Bei den Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg seien Juden auf deutschen Straßen wieder massiv mit antisemitischen Parolen konfrontiert worden.

Um Leib und Leben sei ihm aber nicht bang, sagt Lagodinsky, der 1975 in Russland geboren wurde und 1993 mit seiner Familie in die Bundesrepublik übersiedelte. Eine Woche nach den Anschlägen auf das Satireblatt «Charlie Hebdo», eine Polizistin und den koscheren Supermarkt in Paris mit 17 Todesopfern suchen auch Deutschlands Juden einen Weg zurück in die Normalität, so die dpa.

Michael Lohse schätzt die Gefahr für sich eher abstrakt ein. «Von einer tiefsitzenden Angst kann aber keine Rede sein – manche sind beunruhigt», beschreibt der 68-Jährige, einer der Geschäftsführer des koscheren Deli King in Hamburg, die Stimmung in der jüdischen Gemeinde und seinem Bekanntenkreis.

Das Deli King ist ein kleines, helles Geschäft im Grindelviertel. Nebenan gibt es ein türkisches Café, ein indisch-vegetarisches und ein chinesisches Restaurant. Sie seien hier sehr gut aufgenommen worden.

Lohse lebt seinen jüdischen Glauben offen aus, geht mit Kippa vor die Tür. Die Synagoge ist ein paar Hundert Meter entfernt, in der ehemaligen Talmud-Tora-Schule wird wieder unterrichtet. 145 Schüler gehen in die Joseph-Carlebach-Schule, eine Ausreise nach Israel ist nach Lohses Einschätzung hier kein Thema.

Lagodinsky sieht das ähnlich. Anders als in Frankreich seien die meisten Juden in Deutschland aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen. «Sie trafen die Entscheidung, auszuwandern, um hier zu bleiben.» Doch etwas habe sich geändert. «Unter den Migranten gibt es einen Generationenwechsel. Viele Regeln, die wir aus der deutschen Geschichte im Umgang mit der jüdischen Minderheit erlernt haben, werden hinterfragt. Wenn das die Folge von Multikulti ist, müssen wir uns fragen, ob wir den Multikulturalismus richtig verstehen.»

So kann von unbeschwertem Leben wohl keine Rede sein, etwa für die Frau eines Rabbiners in Bayern. Sie hat Angst, ihren Namen für den Bericht zu nennen. «Ich bin vorsichtiger geworden, schaue mich um, wenn ich aus der Synagoge komme, vergewissere mich zweimal, ob die Tür geschlossen ist.» Die Frau ist sich sicher: «Was da in Paris passiert ist, kann morgen auch in Deutschland geschehen.»

Koschere Restaurants, Klezmer, Kulturtage – seit Jahren ist vor allem in Deutschlands Großstädten jüdisches Leben wieder öffentlich sichtbar. Doch die fragile Normalität ist unter den mehr als 100 000 Gemeindemitgliedern nicht erst seit den Morden von Paris bedroht.

Manchmal fühle er sich wie im falschen Film, sagt Lagodinsky, Mitarbeiter der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, in einem Café in Berlin, wenn er etwa über die Politik der USA, Israel oder die Beschneidung von Jungen debattiere. «Bestimmte Formen von Kritik an den USA oder Kapitalismus tragen manchmal antisemitische Züge. Es gibt so ein Bedürfnis, einen Schuldigen oder eine Übermacht zu finden.»

Vor Synagogen und Gemeindezentren wird dieser Tage die Präsenz von Sicherheitskräften erhöht, berichtet Josef Schuster, der frischgewählte Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. «Es gibt mehr Wachsamkeit, aber Angst oder Panik gibt es nicht.» Für Schuster ist klar: Der Terror ist mitten in Europa angekommen. Einschüchtern lassen wollen sich die jüdischen Gemeinden aber auf keinen Fall. «Das wäre genau die falsche Reaktion.»

Charlotte Knobloch spricht von einer «tiefen Angst bei der jüdischen Bevölkerung vor dem muslimischen Terrorismus». Viele hätten sich ins Private zurückgezogen, sagt die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. «Die haben Angst, auf der Straße als Juden erkannt zu werden.» Manch einer denke auch über einen Weggang nach Israel nach. «Der Gedanke besteht, sich zumindest vorübergehend eine neue Bleibe zu suchen.»

Noch vor wenigen Wochen sei bei Demonstrationen in Deutschland Parolen wie «Juden ins Gas» gerufen worden. Das sei eine «Vorwarnung» gewesen, glaubt Knobloch.

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