Lesbische Küsse: Türkische Medienaufsicht straft TV für erotische Musikvideos ab

Die türkische Medienaufsicht hat zwei Musikkanäle wegen der Ausstrahlung eines vermeintlich anstößigen Musikvideos abgestraft. Gezeigt werden darin zwei sich küssende Frauen. Die Behörde beruft sich bei ihrer Entscheidung auf die jüngsten umstrittenen Aussagen zur Homosexualität des Vorsitzenden des Instituts für Sexualität und Gesundheit.

Der Hohe Rat für Radio und Fernsehen (RTÜK) strafte den türkischen Sender Genç TV für die Ausstrahlung des Videos zum Titel „One More“ von Elliphant ab. Der Clip enthält eine Szene, in der sich zwei Frauen küssen.

RTÜK begründet seine Entscheidung damit, dass die Kuss-Szene im TV zu sehen gewesen sein soll, ohne diese etwa durch Verpixelung unkenntlich gemacht zu haben. Darüber hinaus würde der Clip auch visuelle Elemente und Gesten in Anspielung auf Geschlechtsverkehr enthalten. Abermals argumentierte die Medienaufsicht hier mit einem befürchteten negativen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes, so die türkische Zeitung Hürriyet.

Außerdem berufe sich RTÜK auf Cem Keçe, den Vorsitzenden des türkischen Instituts für Sexualität und Gesundheit (CISED). Dieser habe erst vor kurzem behauptet, dass Homosexualität etwas wäre, was man nicht von Geburt an wäre. Vielmehr handle es sich hierbei um etwas, das gegen die menschliche Natur sei und aufgrund von Fehlern in der Erziehung entstünde.

Aus Keçes Sicht könnten Menschen, die sich im Prozess der Bestimmung ihrer Geschlechtsidentität befänden, durch Darstellungen von Homosexualität im Fernsehen beeinflusst werden, so RTÜK.

Abgestraft wurde auch Power TV. Der Sender soll Szenen ausgestrahlt haben, die leidenschaftliches Streicheln des halbnackten Körpers einer Frau zeigten. Zudem sollen pornographische Elemente gezeigt worden sein. Anstoß in diesem Fall ist ein Titel des Künstlers Pitbull mit dem Namen Don’t Stop the Party.

Der Oberste Rat für Hörfunk und Fernsehen in der Türkei (RTÜK) macht in der Vergangenheit auch vor zwei Superstars der Musikszene nicht Halt. Ins Visier der konservativen Medienaufsicht gerieten Anfang 2014 die beiden Sängerinnen Shakira und Rihanna. Auch damals lautete der Vorwurf: Ihr gemeinsames Musikvideo evoziere Homosexualität.

Die türkische Medienaufsicht RTÜK hat Show TV und der Musiksender Dream TV für die Ausstrahlung eines Musikvideos abgestraft. In ihrem Clip zum gemeinsamen Song „Can’t Remember to Forget you“ würden Shakira und Rihanna „eine besondere Nähe“ zeigen. Hinzu käme „erotischer Tanz“. Nach Ansicht des Watchdogs werde hier „Homosexualität heraufbeschwört“.

Ende 2013 spielte der RTÜK schon einmal den Sittenwächter. Damals ging es um die türkische Version der US-Erfolgsserie „Desperate Housewives“. Die Medienaufsicht strafte „Umutsuz Ev Kadınları“ ab, weil es in einer Szene zu sexuellen Anspielungen gekommen sein soll. Auch hier wurde argumentiert, das Ganze sei „schädlich für Kinder“ und zudem eine „unpassende Sexualerziehung“ (mehr hier).

Neu ist diese Argumentation für alles, was nicht ins Bild des RTÜK passt, übrigens nicht. Ebenfalls tief in die Tasche greifen musste ein türkischer Privatsender, der die Halloween-Episode „Treehouse of Horror XXII“ der beliebten US-Serie „Die Simpsons“ ausgestrahlt hatte (mehr hier). In die moralischen Schranken verwiesen wurden auch die Drehbuchautoren einer türkischen Serie. So mussten die Protagonisten Zeynep und Ozan aus der beliebten türkischen TV-Serie „1 Erkek 1 Kadın” heiraten, weil das Konzept der wilden Ehe nicht in das Bild der Medienaufsicht passte (mehr hier).

Lange dürfte sich die Argumentation „Schutz der Kinder“ jedoch nicht mehr aufrecht erhalten lassen. Denn der türkische Nachwuchs verbringt mittlerweile mehr Zeit mit seinen Mobiltelefonen als vor den Fernsehgeräten. Das hat ausgerechnet eine vom Obersten Rat für Hörfunk und Fernsehen in der Türkei (RTÜK) in Auftrag gegebene Untersuchung gezeigt, in der eine Verschiebung weg vom TV in Richtung mobiler Kommunikation und Internet bei den jungen Leuten deutlich wurde (mehr hier).

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