Türkischer Fußball in der Krise: Steht das Schlimmste noch bevor?

Der türkische Fußball macht sportlich als auch finanziell schwere Zeiten durch. Möglicherweise erwarten die Vereine und die Fans aber noch viel schwerere...

Die Spor Toto SüperLig befindet sich in diesen Tagen in der Winterpause. Die Hinrunde ist vorüber und es ist nicht nur für die Mannschaften an der Zeit ein Zwischenfazit zu ziehen. In dieser Kolumne möchte ich ebenfalls ein Zwischenfazit ziehen. Dabei möchte ich mich gar nicht speziell auf die Mannschaften konzentrieren, denn das was die weitestgehend geboten haben, hatte mit modernem zeitgemäßem Fußball nur wenig zu tun. Wer einmal die Möglichkeit hatte, zeitgleich ein Spiel aus der SüperLig mit einem Spiel aus der Bundesliga oder der Premier League zu verfolgen, wird die eklatanten Unterschiede, was Tempo, Physis, Präzision, Technik, Taktik und Spielintelligenz betrifft, auf Anhieb erkannt haben. Die Unterschiede sind so dermaßen groß, das es beinahe schon erschreckend ist. Freiwillig tun sich die Spiele im türkischen Oberhaus spätestens nach der Passolig-Thematik mittlerweile nur noch die eher hart gesottenen Fans im Stadion an. Das belegen die neuesten Zuschauerzahlen aus der SüperLig. Werfen wir mal einen Blick auf sie.

Der Zuschauerdurchschnitt in den vergangenen drei Spielzeiten bei den Vier Großen

Verein                        2014/15           2013/14           2012/13

Fenerbahce                  13.660             34.605            42.255

Galatasaray                  15.294             33.288            39.989

Besiktas                       15.343             18.682            22.968

Trabzonspor                   8.125              12.770            17.861

 

Die Stadionauslastung in den vergangenen drei Spielzeiten bei den Vier Großen

Verein                        2014/15           2013/14           2012/13

Fenerbahce                   27 %                69 %                84 %

Galatasaray                   29 %                63 %                77 %

Besiktas                        30 %                24 %                32 %

Trabzonspor                   33 %                53 %                73 %

 

Tabelle Stadionauslastung Saison 2014/15 ligaweit

1. Balikesirspor           46,0 %

2. Mersin IY                45,7 %

3. Konyaspor               44,9 %

4. Bursaspor                34,2 %

5. Trabzonspor            33,6 %

6. Eskisehirspor           32,5 %

7. Besiktas                  30,6 %

8. Galatasaray             29,0 %

9. Sivasspor                27,8 %

10. Fenerbahce           27,0 %

11. Basaksehir            23,2 %

12. Gaziantepspor       17,8 %

13. Karabükspor         17,2 %

14. Rizespor               15,7 %

15. Akhisar                 15,1 %

16. Kasimpasa            10,9 %

17. Erciyesspor             9,1 %

18. Genclerbirligi           8,9 %

Die drei Tabellen sprechen eine deutliche Sprache. Nehme man mal den amtierenden Meister Fenerbahce, der spielt in der aktuellen Spielzeit im Durchschnitt vor gerade einmal 13.660 Zuschauern. Nur damit man ungefähr ein Gefühl für diese Zahl bekommt: Der Bundesliga-Aufsteiger SC Paderborn hat in der Hinrunde vor durchschnittlich 14.909 Zuschauern gespielt. Ligaweit gibt es in der SüperLig kein einziges Stadion, dass überhaupt 50 % Auslastung hat. All das ist ein Armutszeugnis für den türkischen Fußball, doch der Vorwurf gilt dabei nicht in erster Linie den Fans, die dem türkischen Fußball immer mehr fernbleiben. Viemehr habe ich Verständnis dafür. Warum sollte man auch Geld für ein Produkt zahlen, das qualitativ nur wenig zu bieten hat? Warum sollte man freiwillig sensible, persönliche Daten weitergeben, nur um eine Passolig-Karte zu erwerben, mit der allein einem überhaupt noch Zutritt zu einem Fußball-Spiel in der Türkei gewährt wird? Warum sollte man Vereine bedingungslos unterstützen, deren Funktionäre letztlich eh das tun, was sie wollen?

Wer glaubt, dass wir schon am Tiefpunkt angelangt sind, täuscht sich!

Nun könnte man, sofern man optimistisch naiv an die Sache herangehen möchte, glauben, dass wir bereits am Tiefpunkt angekommen sind und es nicht mehr schlimmer werden kann. Dem muss ich leider entgegnen, dass dies wahrscheinlich sogar nur der Anfang der Abwärtsspirale ist. Denn die leeren Tribünen sind logischerweise auch nicht den Sponsoren entgangen, die viel Geld in den türkischen Fußball investieren. Unter der Woche gab Murat Ülker, der Vorstandsvorsitzende der Yildiz-Holding bekannt, dass sich Ülker ab der kommenden Saison vom Fußball-Sponsoring komplett zurückziehen wird. Der schrittweise Rückzug von Ülker hatte bereits in der Vorsaison begonnen, doch das Unternehmen hatte angekündigt, dass man die weitere Entwicklung beobachten wolle. Nach der Bekanntgabe der neuen Ausländerregelung seitens des türkischen Fußballverbandes TFF und aufgrund der leeren Tribünen hat sich Yildiz-Holding nun für einen endgültigen Rückzug entschieden.

Ülker steigt aus – Welcher Großsponsor geht als Nächster?

In der Vergangenheit sind bereits Großsponsoren wie Avea, Türk Telekom, Bank Asya aus dem Fußball-Sponsoring ausgestiegen. Nun ist also Ülker an der Reihe und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis auch weitere Sponsoren folgen. Den Vereinen fallen damit weitere Einnahmen in Millionenhöhe weg, doch ist das denn so schlimm? Ich finde nicht, denn wir haben gesehen, was die Vereine mit dem Geld anstellen, nämlich wenig, viel zu wenig. Sollen diese Ressourcen anderweitig ruhig sinnvoller verwendet werden. Um türkischer Meister zu werden, müssen nicht unbedingt Millionen verbraten werden – international reißen die türkischen Klubs ohnehin keine Bäume aus. Was Input und Output betrifft, ist das Verhältnis katastrophal. Von daher ist es vielleicht sogar das Beste für den türkischen Fußball, was passieren kann, dass ein Großsponsor nach dem anderen aussteigt.

Vielleicht sind die Funktionäre dann bald endlich mal gezwungen, Gelder nicht mehr länger kopflos zu verbraten, sondern neue Werte zu schaffen. Vielleicht begreifen die Vereine spätestens dann endlich, wie wichtig eine funktionierende Jugendarbeit und wie wichtig eine gute Ausbildung von Fußball-Trainern ist. Ich meine deshalb ernsthaft, dass es uns mal gut täte, wenn wir noch viel tiefer abstürzen, denn offensichtlich müssen wir erst mal richtig auf den Deckel bekommen, damit sich etwas ändert. Damit sich bei den (selbstverliebten) Funktionären, bei den (oft schon satten) Fußballern und bei den (zu ungeduldigen) Fans auch endlich mal etwas ändert. Manchmal muss es mal so richtig aus allen Kübeln schütten, damit danach endlich wieder die Sonne hervorkommt. Hoffen wir im Sinne des türkischen Fußballs nur, dass es nicht zu lange dauern wird.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf GazeteFutbol.com.

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