Neue wissenschaftliche Pegida-Studie: „Das sind keine Normalbürger“

Ein Forscherteam stellt eine neue Pegida-Studie vor. Sie wollen sich den Pegida-Teilnehmern nähern. Gelungen ist das allerdings nur zu einem ganz kleinen Teil.

Das mediale Interesse am Phänomen Pegida ist ungebrochen groß. Mehr als hundert Journalisten besuchten am Montag die Pressekonferenz im Wissenschaftszentrum Berlin. Der Anlass: Ein Forscherteam rund um Studienleiter Dieter Rucht wollte Neues berichten über das Profil der Pegida-Teilnehmer in Dresden. Als größter Schwachpunkt der Studie stellte sich dann aber ihre geringe Teilnehmerzahl heraus.

Die Online-Umfrage

„Der typische Pegida-Demonstrant nimmt ungern an Umfragen teil“, hatte der Blogger und Medienjournalist Steffen Niggemeier in der Vergangenheit bereits geschrieben. Das konnten die Forscher in ihrer Präsentation nur unterstreichen. Die Ergebnisse ihrer Online-Umfrage sprechen für sich: 14 Teams aus jeweils zwei Leuten hatten in der vergangenen Woche in Dresden bei Pegida Teilnahmezettel für eine Online-Umfrage verteilt. 1.800 Personen wurden dafür angesprochen, nur 670, also rund jeder Dritte, nahm überhaupt einen Zettel an. Von den 670 nahmen 123 an der Umfrage teil. Als Hauptgrund für die verschwindend geringe Teilnahme an der Studie wurde von den Forschern vor allem ein Sachverhalt genannt: „Viele Pegida-Teilnehmer haben das Vertrauen in die Institutionen verloren. Wissenschaftler und Lügenpresse werden gleichgesetzt.“

Ist das noch Wissenschaft?

Aber welchen Wert hatte diese Studie dann? Die Gruppe der Auskunftsfreudigen sei zu klein, um allgemeine Urteile zuzulassen. Aber über ihre Motive und ihre soziokulturellen Hintergründe wollten die Forscher am Montag dann doch einige Aussagen treffen: Bei den Teilnehmern handele es sich um „keine besorgten Normalbürger.“ „Rechtspopulistische und rechtsextreme Einstellungen lägen bei den Befragten eindeutig über dem Bevölkerungsdurchschnitt.“ Die Teilnehmer seien „eher jung“, und hätten einen „akademischen Abschluss“. Die Tatsache, dass dieser Bevölkerungsbereich in der Regel als “gemäßigter“ gilt, ließe, so das Forscherteam, Raum für Spekulationen über den Rest der Pegida-Teilnehmer: Von denen man extremere Auffassungen erwarte.

Aber ist das noch Wissenschaft? Spekulationen und Vermutungen haben nichts mit wissenschaftlichen Aussagen zu tun. Da waren sich auf der Pressekonferenz am Montag wohl alle einig. In diese Falle gingen die Forscher rund um den Studienleiter Dieter Rucht dann aber auch gar nicht: Das Forscherteam machte während seiner Präsentation niemals den Fehler, irgendwelche Aussagen über den „typischen Pegida Teilnehmer“ treffen zu wollen. Vielmehr betonten sie durchweg den „nicht repräsentativen Charakter“ ihrer Studie.

Die Dresdner Studie

Anders als ihre Kollegen von der Technischen Universität Dresden: Der Dresdener Politikwissenschaftler Hans Vorländer hatte in der vergangenen Woche die Ergebnisse seiner Pegida-Studie der Presse gegenüber als „typisch“ dargestellt: Die Pegida-Demonstranten seien „gut ausgebildet und berufstätig“. Sie würden zudem über ein für sächsische Verhältnisse „leicht überdurchschnittliches Nettoeinkommen“ verfügen, seien „48 Jahre alt und männlich“. Dass nur rund zwei Drittel von den 400 ursprünglich angesprochenen Menschen bei der Befragung mitgemacht hatten, wurde nicht unterstrichen.

Übrig bleibt ein ungutes Gefühl: Die Pegida-Demonstranten in Dresden und anderswo entziehen sich ganz offensichtlich allen Versuchen, sie einzuordnen und zu kategorisieren. Und bleiben eine unkalkulierbare Größe. Da helfen auch die Zukunftsprognosen des Studienleiters Rucht wenig: „Wir haben den Höhepunkt von Pegida bereits gesehen. In der Zukunft wird Pegida sukzessive zurückgehen. Doch in den Köpfen der Menschen wird es bleiben.“

Pegida spaltet

Pegida spaltet die deutsche Bevölkerung auch weiterhin: Sowohl online wie offline. Ende vergangenen Jahres bezogen im Internet Zehntausende gegen Pegida Stellung. Mit einem Mausklick am Tag vor Heiligabend hatte Karl Lempert (49) der Debatte um das Pegida-Bündnis eine neue Wendung gegeben. Der enorme Zuspruch seiner Online-Petition gegen das islamfeindliche Bündnis stellte im Netz alles in den Schatten, was die «Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes», kurz Pegida, selber an Onlinemobilisierung vermocht hatten (mehr hier).

Zuletzt hatte sich eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten mit Migrationshintergrund in einem Presseaufruf klar gegen Pegida ausgesprochen: „Unwissenheit, Lügen, Ressentiments und Ignoranz“ spielten, so die Politiker, eine große Rolle, wenn jeden Montag Tausende von Menschen in ganz Deutschland an Pegida-Märschen teilnehmen (mehr hier).

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