Deutschland ist ein Einwanderungsland

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Punkt. Diese Erkenntnis galt lange Jahre als ein Tabu. Und Menschen, die diese Realität ausgesprochen haben, wurden von verschiedenen Seiten belächelt und beargwöhnt. Große Volksparteien konnten sich aus ideologischen Gründen und nach großen internen Diskussionen lediglich dazu durchringen, anstatt das Wort Einwanderungs- oder Zuwanderungsland zu verwenden, von einem Integrationsland zu sprechen.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) hat im Auftrag der Bundesregierung ihren Migrationsbericht für das Jahr 2013 vorgestellt. Demnach hat Deutschland ein positives Wanderungssaldo zu verzeichnen. Das bedeutet, dass mehr Menschen nach Deutschland kommen, als das Land verlassen. Genau genommen waren es 1,23 Millionen Personen, die 2013 nach Deutschland kamen (ein Plus von 13 Prozent gegenüber 2012). Im selben Zeitraum verließen 800 000 Menschen das Land (ebenfalls ein Plus von zwölf Prozent gegenüber 2012). Am Ende blieben 430 000 Menschen mehr als gingen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) äußerte anlässlich der Vorstellung des Migrationsberichts, dass in drei Vierteln aller Fälle Europäer aus Polen, Rumänien, Ungarn, Griechenland, Italien und Spanien aufgrund der Suche nach Arbeit oder besseren Lebensumständen nach Deutschland kamen.

Wanderungssaldo für 2014 ähnlich stabil wie 2013

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden errechnete für 2014 ähnlich hohe Werte. Wie aus Schätzungen des Amts hervorgeht, beläuft sich der Wanderungsüberschuss für 2014 auf mindestens 470 000. Als Gründe werden neben der zunehmenden Zahl der Asylbewerber die Anfang 2014 in Kraft getretene vollständige Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänien und Bulgarien sowie die nach wie vor präsente Wirtschafts- und Finanzkrise in der Europäischen Union genannt. Im Jahr 2013 belief sich die Zahl der Asylsuchenden noch auf 130 000. 2014 stieg dieser Wert auf über 200 000.

Demographische Situation entspannt sich leicht

Aufgrund des demographischen Wandels und der alternden deutschen Mehrheitsgesellschaft kommt die Zuwanderung besonders der Wirtschaft sehr gelegen. Die Menschen, die nach Deutschland kommen, sind meist jung oder noch sehr lange im arbeitsfähigen Alter. Sie tragen dazu bei, dass die Renten- und Sozialbeiträge stabil bleiben und die Bevölkerungszahl in Deutschland wieder wächst. Derzeit leben in Deutschland 81,1 Millionen Menschen.

Panik vor muslimischer Übervölkerung unbegründet

Außerdem gibt es eine weitere, sehr erfreuliche Nachricht für alle Einheimischen, die sich durch die angebliche „Islamisierung des Abendlandes“ bedroht fühlen: Aus muslimisch geprägten Staaten kommen immer weniger Menschen nach Deutschland. Und ein auffälliger Trend setzt sich weiterhin fort: Die Zahl der Türken und türkischstämmigen Deutschen, die in die Türkei gehen ist im Vergleich zu denen, die aus der Türkei nach Deutschland kommen, weitaus höher.

Deutsch-Türkischer Braindrain

Es sind hauptsächlich qualifizierte Bildungsinländer mit türkisch-muslimischen Wurzeln, die auswandern. 2013 verließen 27 896 (2011: 33 000; 2010: 36 000) Menschen mit türkischem Pass, in der Regel Hochschulabsolventen Deutschland. Im gleichen Zeitraum wanderten dagegen 23 230 (2011: 31 000; 2010: 30 000) Türken nach Deutschland ein. Dieser Trend setzt sich schon seit 2006 ungebrochen fort. Ob sich eine Exportnation so einen Talentschwund im „Wettbewerb der Köpfe“ langfristig leisten kann, bleibt abzuwarten. Nicht wenige Auswanderer geben als Grund ihres Fortzugs die Morde des so genannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU), Diskriminierung im Alltag, bei der Job- und Wohnungssuche an.

Für Deutsch-Türken ist Deutschland zum Auswanderungsland geworden

Die Zahlen zeigen, dass Deutschland zumindest für türkischstämmige Akademiker ein Auswanderungsland – Wissenschaftler gebrauchen daher schon seit einiger Zeit den Terminus „Postmigrationsland“ – geworden ist.

Immer mehr Unternehmen in Deutschland ändern aufgrund von öffentlich gewordenen Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen in der Einstellungspraxis ihre Bewerbungsformalitäten. Es gibt Studien, die demonstrieren, dass Menschen in Deutschland aufgrund ihres Namens, Herkunft, Aussehens oder Religion benachteiligt oder nicht eingestellt werden. Aus diesem Grund führen immer mehr Unternehmen die anonymisierte Bewerbung ein.

Gleichberechtigte Teilhabe ermöglichen

Wenn gleichberechtigte Teilhabe ernsthaft gewollt wird, dürfen sich staatlich/kommunale Einrichtungen, Wirtschaft und Gesellschaft der Heterogenität nicht verschließen. Nicht nur die Menschen persönlich, auch die Kommunen, Parteien, Behörden und Unternehmen müssen sich den Migranten öffnen und „Vielfalt als Chance“ im internationalen Wettbewerb begreifen. Das Bemühen und Umwerben deutscher Sicherheitsbehörden und -dienste um Menschen mit Migrationsbiographie ist seit langem nicht zu übersehen und sollte ebenso beispielhaft für andere Bereiche sein. Daran könnten sich auch andere private wie öffentliche Einrichtungen orientieren. Beispielsweise gibt es seit dem Jahr 2006 die so genannte „Charta der Vielfalt“, die von großen Arbeitgebern in Deutschland wie Daimler, BP, Deutsche Bank und der Deutschen Telekom mit dem Ziel der Förderung der Vielfalt in den Betrieben ins Leben gerufen wurde.

Integration als Zukunftsaufgabe

Eingliederung und Teilhabe sind, wie der Bundesinnenminister es bei der Vorstellung des Migrationsberichts ausdrückte, für beide Seiten lohnend. Die Einwanderer müssen sich an die Gepflogenheiten und Pflichten im Land halten, damit sie auch von den Rechten Gebrauch machen können. Aber auch die Einheimischen haben viele Aufgaben zu übernehmen. Sie müssen Integration zulassen und für Veränderungen offen sein. Denn viele Menschen wissen immer noch nicht, dass Integration von beiden Seiten Anstrengungen erfordert und beide Seiten gleichermaßen verändert. Es ist ein Wechselspiel von Geben und Nehmen. Die Basis all dessen ist und bleibt das Grundgesetz.

Autoreninfo:
Yasin Baş ist Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist. Zuletzt erschienen seine Bücher: „Islam in Deutschland – Deutscher Islam?” sowie „nach-richten: Muslime in den Medien“.

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