Der Höhepunkt der Pegida-Bewegung ist vorbei

Der Pegida-Bewegung scheint langsam die Puste auszugehen. Erst Terrordrohung und Versammlungsverbot, dann der Rückzug des Frontmanns Lutz Bachmann. Nach turbulenten Tagen ging es am Sonntag zum ersten Mal wieder auf die Straße. Und diesmal war einiges anders.

Die Medienschelte zieht. Die Menschen hätten genug von «Presse-Lügnern» und «Politik-Versagern», schimpft Kathrin Oertel ins Mikrofon. Sofort johlt die Masse auf dem Theaterplatz in Dresden zurück: «Lügenpresse – Lügenpresse». Dazu wehen Deutschlandfahnen und Transparente mit Aufschriften wie «Multi-Kulti stoppen» oder «Neukirch braucht kein Asylheim». Das islamkritische Pegida-Bündnis hat wieder zum Aufmarsch geladen. Doch die Anziehungskraft der Bewegung scheint allmählich zu schwinden.

Es ist das erste Mal nach der jüngsten Terrordrohung, dass die selbst ernannten Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes wieder zum Protest aufliefen. Vor einer Woche verboten die Dresdener Behörden alle Versammlungen im Freien wegen einer Morddrohung aus der Islamisten-Szene gegen den bisherigen Pegida-Frontmann Lutz Bachmann.

Es ist auch das erste Mal, dass die Demonstranten ohne die Einflüsterungen ihres früheren Wortführers auskommen mussten. Bachmann zog sich vor wenigen Tagen aus der Pegida-Spitze zurück. Im Internet waren von ihm wüste Beschimpfungen gegen Ausländer aufgetaucht – und ein Selfie-Foto mit «Hitler-Bärtchen». Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Volksverhetzung gegen ihn.

Ja, Bachmann habe etwas zu weit rechts gestanden, sagt ein Rentner aus Radebeul bei Dresden, der zum zweiten Mal bei einer Pegida-Demo ist. «Aber durch seinen Abgang hat die ganze Bewegung einen ganz anderen Touch gekriegt.» Allerdings ist Bachmann längst nicht der einzige, der mit ausländerfeindlichen Äußerungen aufgefallen ist.

Oertel ist nun die neue Frontfrau der Bewegung. Im schwarzen Daunenmantel, schwarzem Rollkragenpullover und mit zurückgebundenen Haaren steht sie am Mikrofon und ackert sich durch ihren Redetext. Ihr Blick ist gesenkt, die Augen heften auf den Papieren, die sie vor sich liegen hat. Manchmal nimmt die 37-Jährige den Zeigefinger zu Hilfe, um die richtige Zeile in ihren Blättern nicht zu verlieren.

Sie klagt über eine angeblich übergroße Medienmacht im Land und über eine Diskriminierung der Pegida-Bewegung. Und sie beteuert, es gebe keine Absprachen mit der rechtskonservativen AfD – anders als von der Presse dargestellt. Da grölt die Menge wieder.

Von der Bühne schmettern Oertel und andere Redner ihre Forderungen auf den Platz: «Kontrollierte Zuwanderung», «Pflicht zur Integration», Ausweisung «religiöser Fanatiker», Volksabstimmungen im Bund, kein Asyl für «Wirtschaftsflüchtlinge». Immer wieder rufen Pegida-Anhänger dazwischen: «Weg mit den etablierten Parteien» oder «Weg mit dem Islam». Und es gibt Reibereien mit Reportern: Ein Mann schiebt einem Kameramann immer wieder ein großes Schild vor die Linse und schimpft: «Haben Sie überhaupt eine Drehgenehmigung?» Eine andere Demonstrantin nimmt einem Journalisten das Mikrofon ab und rückt es nicht mehr heraus.

Etwa Hundert Meter entfernt stehen Pegida-Gegner – die Polizei spricht von etwa 5000. Mit lauter Musik versuchen sie, gegen die Demo nebenan anzutönen.

Eigentlich wollten die Pegida-Anhänger wie üblich am Montag in Dresden auflaufen – so wie Woche für Woche seit Mitte Oktober. Doch ihnen kam eine große Gegenveranstaltung in die Quere: Jede Menge Bands und Sänger wie Herbert Grönemeyer und Silly wollen an diesem Montag in Dresden für Weltoffenheit auf die Bühne gehen. Die Pegida-Organisatoren zogen den eigenen Aufmarsch kurzerhand auf Sonntag vor – damit auch alle ihre Anhänger zu dem «Gratiskonzert» gehen könnten. Kritiker mutmaßen aber, dass die Pegida-Führung auch die Befürchtung hatte, wegen der prominenten Gegenveranstaltung selbst nicht genug Leute mobilisieren zu können.

Seit Oktober hatte das Bündnis Woche für Woche mehr Anhänger zusammengebracht – zuletzt 25 000. Doch nun geht es zum ersten Mal bergab: Das Organisationsteam spricht am Sonntag von 20 000 bis 25 000 Teilnehmern, die Polizei zählt gut 17 000. Auch der Pegida-Ableger in Leipzig hatte am vergangenen Mittwoch deutlich weniger Menschen auf die Straße gebracht als erwartet.

Ist der Zenit der Bewegung überschritten, wie es ein Protestforscher kürzlich voraussagte? Ein Pegida-Anhänger – ein alter Mann mit Vollbart – glaubt nicht an eine große Langlebigkeit des Bündnisses, auch wenn er seit Dezember jede Woche kommt. Man müsse sich nichts vormachen, sagt er: «Im Sommer fragt kein Schwein mehr danach.»

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