Jugendliche mit Migrationshintergrund: Kaum faire Chancen auf einen Ausbildungsplatz

In einer aktuellen Studie hat die Bertelsmann Stiftung einen Zusammenhang zwischen Herkunft und der Chance auf einen Ausbildungsplatz belegt. Das Fazit: Die Herkunft ist noch immer entscheidend. Für die Türkische Gemeinde in Schleswig-Holstein e.V. ist das kein neues Phänomen. Sie mahnt: Die deutsche Wirtschaft beklage zwar gerne den akuten Fachkräftemangel, ignoriere die Potenziale dieser Jugendlichen aber konsequent.

Mittels einer repräsentativen Umfrage von Betrieben hat die Bertelsmann Stiftung festgestellt, dass Jugendlichen mit Migrationshintergrund der direkte Übergang in eine duale Ausbildung deutlich seltener gelingt, als ihren Altersgenossen ohne Migrationshintergrund. Diese Ungleichheit im Zugang zu dualer Ausbildung sei allerdings nur zum Teil einem schlechteren schulischen Abschneiden zuzuschreiben, so die Autoren. Auch bei gleichen Leistungen seien die Aussichten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf einen Ausbildungsplatz erheblich geringer.

Für die Türkische Gemeinde in Schleswig-Holstein e.V. ist das kein überraschendes Ergebnis. Die am 22. Januar veröffentlichte Unternehmensumfrage bestätige vielmehr, was viele Jugendliche auf Ausbildungssuche seit Jahren beklagt hätten, heißt es hierzu in einer den Deutsch Türkischen Nachrichten vorliegenden Mitteilung. Darin kritisiert der in Kiel beheimatete Verein um den Landesvorsitzenden Dr. Cebel Küçükkaraca:

„Insbesondere Jugendliche mit Migrationshintergrund haben trotz adäquater Qualifikationen kaum eine faire Chance, einen Ausbildungsplatz zu finden. Etwa 60 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben noch nie einen Jugendlichen mit Migrationshintergrund für eine Ausbildung angenommen, obwohl diese Gruppe bereits ein Viertel aller Jugendlichen ausmacht.“

Aktuell würden gemäß der Studie nur 15 Prozent aller Ausbildungsbetriebe in Deutschland Jugendliche mit ausländischen Wurzeln ausbilden. Viele Betriebe fürchteten sich vor vermuteten Sprachbarrieren und kulturellen Unterschieden. Andere beklagten fehlende Bewerbungen als wesentliches Hindernis dafür, Jugendliche mit Migrationshintergrund als Auszubildende einzustellen.

Dr. Küçükkaraca kennt die Problematiken nur allzu gut. Er stellt hierzu aber fest:

„Die flächendeckende Ungleichbehandlung der Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Ausbildungs- und Berufsmarkt ist kein neues Problem. Aus unserer Arbeit und vielen Studien ist es bekannt, dass Jugendliche mit türkisch klingendem Namen trotz gleicher Qualifikation zum Teil doppelt so viele Bewerbungen schreiben müssen wie deutsche Bewerber. Die deutsche Wirtschaft beklagt zwar gerne den akuten Fachkräftemangel, ignoriert die Potenziale dieser Jugendlichen aber konsequent.“

Eines der wenigen Lichtblicke sei das vom Land Schleswig-Holstein geförderte AIM-Projekt. Dieses seit 16 Jahren andauernde Projekt habe unzähligen jungen Menschen und Unternehmen geholfen, bildungsbenachteiligte Jugendliche in Betriebe einzubinden, die händeringend nach Nachwuchs suchen. Besonders sei auch, dass sich das Projekt nicht nur an die Jugendlichen selbst richte, sondern gleichermaßen Betriebe unterstütze, so der Verein weiter. Insbesondere würden im Zuge dessen Firmenchefs, Personalverantwortliche und Ausbilder sensibilisiert, unerkannte Potentiale zu entdecken und gewinnbringend zu fördern.

Zu Wort gemeldet hat sich auch die Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland e.V. (FÖTED). Deren Bundesvorsitzender Mehtap Çağlar sagt ebenfalls ganz klar: Perspektivisch kann sich Deutschland nicht leisten, Jugendliche, die zur Zukunft Deutschlands gehören auszugrenzen.” Seiner Ansicht nach sei jetzt die Politik gefragt und müsse eingreifen.

Im Blick hat FÖTED dabei die bildungspolitischen Empfehlungen des Berichts, wie unter anderem die erweiterte bzw. zielgerichtete Rekrutierungsstrategien für Unternehmen, Unterstützung der Betriebe auf regionaler Ebene, Nutzung anonymisierter Bewerbungsplattformen, transparenter und weniger bürokratisch aufgebaute Unterstützungsleistungen für die Ausbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, bessere Koordinierung auf Bundes,-landes- und regionaler Ebene, die Individualisierung der Ausbildungsgestaltung, sowie die Verankerung der Instrumente in den regionalen Strukturen.”

Um die Gründe für Barrieren im Zugang zu dualer Ausbildung für Jugendliche mit Migrationshintergrund identifizieren und Jugendliche wie Betriebe gezielt unterstützen zu können, hat die Bertelsmann Stiftung über 1.000 ausbildungsberechtigte Betriebe nach ihren Erfahrungen und Einschätzungen zur Ausbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund befragt. Dabei heraus kam ein 76 Seiten starker Report.

Hier geht es zur gesamten Bertelsmann Studie.

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