Spielsucht: Warum haben so viele Zocker ausländische Wurzeln?

In Deutschland sind rund die Hälfte der Spielsüchtigen Migranten. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die keine Perspektive mehr sehen. Hilfe suchen sie so gut wie nie.

Viele Spielsüchtige leben in der Parallelwelt Spielhalle (Foto: Flickr/ Spielhalle in der "Costa Luminosa" 17. Juni 2009 by Alfred Diem CC BY 2.0).

Viele Spielsüchtige leben in der Parallelwelt Spielhalle (Foto: Flickr/ Spielhalle in der „Costa Luminosa“ 17. Juni 2009 by Alfred Diem CC BY 2.0).

In Deutschlands Spielhallen, in denen Geldautomaten und das schnelle Glück locken, sind oft Menschen mit ausländischen Wurzeln zu Gast. Und spielen sich um Kopf und Kragen. Viele dieser Menschen sind isoliert, haben keine Kontakte zu ihrem Umfeld und suchen in den Spielhallen nach einer Parallelwelt. Der Deutsch-Türke Anin ist einer der vielen Zocker mit ausländischen Wurzeln. Seine Suchtkarriere steht exemplarisch für viele. In Zeit-Online erzählt er seine Geschichte: Anins Eltern kamen in den 80er Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Schon sein Vater verbringt die Abende Tayla spielend in der Teestube. Und verspielt dabei nicht selten seinen gesamten Lohn. Anins Eltern lassen sich scheiden, als er 15 ist. Danach wird er straffällig, kommt aber mir einer Bewährungsstrafe davon. Er zieht in eine Jugendwohnung, den Kontakt zu seinen Eltern bricht er ab.

Anin trifft eine Frau, verliebt sich. Aber trotzdem stürzt er ab, beginnt zu spielen: „Ich war besoffen und hab mich nicht richtig dagegen gewehrt“, sagt Anin. Anin hat eine eigene Wohnung, einen Führerschein und eine Ausbildung. Und trotzdem zieht es ihn in den Abgrund. Er trennt sich von seiner Freundin. Das gesparte Geld für die geplante Hochzeit verzockt er. 20.000 Euro in zwei Wochen. „Es musste weg“, sagt Anin.

Kazim Erdogan, ein türkischstämmiger Psychologe aus Berlin-Neukölln, arbeitet mit Spielsüchtigen. Für ihn ist der hohe Anteil von Spielsüchtigen mit Migrationshintergrund vor allen Dingen ein soziales Probleme. Spielsucht und Armut, das gehört in der Regel zusammen. Auch den Spielhallen-Betreibern ist dieser Zusammenhang nicht entgangen: Bevorzugt siedeln sich Spielhallen und Wettbüros in sozial schwachen Gebieten an. So gibt es im Neuköllner Süden derzeit etwa zehn konzessionierte Betriebe, während sich weitere 40 im Norden konzentrieren.

„Wo Armut regiert, gibt es eine Spielhalle neben der anderen“ sagt Erdogan auf Nachfrage der DTN. Dort finden sie Menschen, die „das Ende des Tunnels nicht sehen“, so Erdogan. Eine zockende Hartz-IV-Empfängerin mit Baby auf dem Arm, die das Geld für ein Flugticket in die Türkei gewinnen will, sei ihm da auch schon untergekommen. Dass in vielen orientalischen Gesellschaften Spielsucht nicht als Krankheit angesehen wird, mache die Situation nicht leichter: „Viele Spielsüchtige betrachten sich überhaupt nicht als krank, weil sie sich nicht körperlich krank fühlen“, sagt Erdogan.

Zurück zu Anin. Seit seiner Trennung spielt Anin jeden Tag. Auch als er längst eine neue Freundin gefunden hat. Es passiert das Übliche: Anin spielt immer häufiger, bricht seinen Vorsatz, nicht mehr zu spielen oder längere Spielpausen zu machen. Seine Gedanken kreisen ständig ums Spielen. Die Welt außerhalb der Spielhalle wird langweilig. Er wird eine Anderer: „Das Zocken hat mich zu einem anderen Menschen gemacht“, erinnert sich Anis. Die Sucht veränderte ihn auch körperlich. Er bekommt Schuppenflechte, seine Kopfhaut wird rissig und entzündet sich.

Für viele Spielsüchtige mit ausländischen Wurzeln gibt es noch kein adäquates Therapieangebot. Das macht sie zu einem bundesweiten Problem, einer gesamtgesellschaftlichen Frage. „Nur ein Prozent aller Spielsüchtigen outet sich“, sagt der Berliner Psychologe Kazim Erdogan im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten. In Neukölln hat man derweil erkannt, dass sich Spielsüchtige schneller outen, wenn sie dies anonym tuen können. Und dazu noch auf ihrer Muttersprache. Seit Beginn des Jahres ist der Verein „Aufbruch Neukölln“ unter Aufbruch-Spielsucht.de zu erreichen. In Live-Chats geben Ansprechpartner auf sechs Sprachen Auskünfte über das Thema Spielsucht. Der Bedarf ist riesig: „Es melden sich Menschen aus ganz Deutschland“, sagt Erdogan. „Für die Berliner bieten wir sogar eine Selbsthilfegruppe an, jeden Montag.“

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