Dialog mit Minderheiten: Neue türkische Behörde soll sich um armenische, griechische und jüdische Schüler kümmern

Der Jugendrat der Istanbuler Stadtverwaltung (İBB) hat den Startschuss für eine eigene Abteilung für Minderheiten gegeben. Diese soll sich in Zukunft insbesondere den Belangen von armenischen, griechischen und jüdischen Schülern annehmen. Ziel ist es, den Dialog mit Minderheitenschulen zu stärken.

Der Jugendrat der Stadt hatte sich in der vergangenen Woche mit Lehrern und Schülern aus verschiedenen armenischen, griechischen und jüdischen Schulen in Istanbul zusammengesetzt. Zur Sprache gekommen seien dabei nach Angaben des Vorsitzenden Samed Ağırbaş die verschiedenen Probleme, mit denen die jungen Leute zu kämpfen hätten. Ein Treffen dieser Art ist ein Novum. Künftig soll der Dialog weiter gestärkt werden.

Ağırbaş zufolge sollen Treffen dieser Art auch in Zukunft stattfinden, berichtet die türkische Zeitung Hürriyet. Dadurch sollten die wechselseitigen Beziehungen gepflegt und dazu beigetragen werden, dass die angesprochenen Schwierigkeiten am Ende auch auf der Agenda des diesjährigen Jugend-Workshops landeten, der später in diesem Jahr stattfände.

Im Rahmen des ersten Treffens mit insgesamt 115 Lehrern aus 20 Minderheitenschulen, fiel am vergangenen Mittwoch auch der Startschuss für die eigene Abteilung. „Wir haben diese Abteilung gegründet, um Lösungen für die armenischen, griechischen und jüdischen Studenten zu finden. Es gibt 23 Minderheitenschulen in Istanbul und wir beabsichtigen, die Beziehungen zu ihnen zu stärken und ihre Bedürfnisse zu bestimmten politischen Gremien durch den Jugendrat zu vermitteln“, so Ağırbaş. Seine Organisation basiere auf der ehrenamtlichen Arbeit der  Mitglieder, die aus verschiedenen Teilen von Istanbul stammten. Er kündigte an: „Wir werden auch weiterhin nicht-muslimische Schulen besuchen und mit ihnen zusammenarbeiten.“

Ağırbaş zufolge würden sich die gewählten Vertreter der Minderheiten genauestens über die Probleme der nicht-muslimischen Gemeinschaften informieren. Gemeinsam würde dann versucht, Lösungen zu finden. Einfließen würden darin auch die Meinungen von Schülern und Lehrern, die vom Bildungsministerium ausgesucht würden.

Die Abteilung für Minderheiten hat sich vorgenommen, einen direkten Kommunikationskanal zwischen Schülern und der Gemeinde einzurichten. Langfristig solle sich auch eine eigene Institution etablieren, die sich auf wissenschaftlicher Ebene mit dem Thema befasse, so Ağırbaş. Die Aktivitäten würden jedoch nicht bei reinen Problemlösungsmechanismen stehen bleiben. Darüber hinaus sollen zum Beispiel Fotoausstellungen und Wettbewerbe für Minderheitenschulen organisiert werden.

Anfang 2014 hat die Türkei ein Demokratie-Paket verabschiedet. Es billigt religiösen und ethnischen Minderheiten weitreichende Rechte zu. Kulturellen Minderheiten wurde damit zugestanden, eigene Privatschulen zu gründen. Die Kinder dürfen in ihrer eigenen Muttersprache unterrichtet werden. Zuvor war es lediglich Armeniern, Juden und Griechen gestattet, Privatschulen zu gründen. Die gesetzliche Grundlage hierfür wurde am 21. Juli 1923 im Lausanner Vertrag über den Schutz von Minderheiten in der Türkei – Sektion III niedergeschrieben. Auch die Behinderung der Ausübung der Religion wurde unter Strafe gestellt. Die Gefängnisstrafe kann zwischen einem und drei Jahren liegen (mehr hier).

Erstmals wurden damit auch Verbrechen und Vergehen aus Hass unter Strafe gestellt. Jeder, der eine Person aufgrund seiner Muttersprache, seiner Rasse, seiner Nationalität, seiner Hautfarbe, seines Geschlechts, seiner Behinderung, seiner politischen Gesinnung, seiner Religion und seiner Konfession benachteiligt, kann mit einer Gefängnisstrafe zwischen einem und drei Jahren verurteilt werden. Dieser Gesetzespassus bezieht sich nicht nur auf das alltägliche Leben, sondern auch auf den Arbeits- und Wirtschaftsmarkt.

Wie das Zentrum für angewandte Politikforschung an der LMU München informiert, seien 99,8 Prozent der türkischen Bevölkerung Muslime. Diese teilten sich in Sunniten (70 Prozent) und Alewiten (20-25 Prozent) auf. Daneben existierten religiöse Minoritäten, wie Christen verschiedener religiöser Ausprägung (0,2 Prozent) und ethnische Minderheiten. Eine besondere Stellung nähmen die Kurden ein, die zwar muslimischen Glaubens sind, sich selbst jedoch als eigenständige Ethnie begriffen. Neben dem muslimischen Glauben seien auch andere Glaubensrichtungen in der Türkei verbreitet. Dazu gehörten in erster Linien die Mitglieder der griechisch-orthodoxen und der syrisch-orthodoxen Kirche und die sephardischen Juden. Eine weitere nicht-muslimische Glaubensgemeinschaft sei die syrisch-orthodoxe Kirche.

Wie Anfang 2015 bekannt wurde, soll erstmals seit Gründung der Türkischen Republik im Jahre 1923 nun wieder eine christliche Kirche im Land gebaut werden. Die Entscheidung dazu gab Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu bei einem Treffen mit Religionsvertretern in Istanbul bekannt (mehr hier).

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