Ehrenmord in Darmstadt: Taten innerhalb der Familie geschehen nie aus heiterem Himmel

Eine Tochter liebt einen Mann - und muss offenbar sterben, weil die Eltern die Beziehung ablehnen. Der Fall einer jungen Frau aus Darmstadt weckt Erinnerungen an ähnliche Fälle.

Die 18-jährige Arzu Ö. aus Detmold gehörte zu einer aus der Ost-Türkei stammenden jesidischen Familie. Sie liebte einen Deutschen, der aber nicht jesidischen Glaubens war. Für die Familie eine verbotene Beziehung. Im November 2011 entführten und töteten fünf erwachsene Geschwister Arzu im Namen ihrer Ehre.

Der Mord an einer 19-Jährigen in Darmstadt in dieser Woche weckt Erinnerungen an diesen und ähnliche Fälle. Der Vater gab nach Angaben der Staatsanwaltschaft zu, seine Tochter erwürgt zu haben – weil sie einen Freund hatte, der den Eltern nicht passte.

Der muslimischen Glaubensgemeinschaft Ahmadiyya war der Streit nach Worten des Vorsitzenden Abdullah Uwe Wagishauser schon länger bekannt: «Wir haben versucht, zu vermitteln.» Ob die pakistanische Herkunft der Familie in dem Fall eine Rolle gespielt hat, will die Staatsanwaltschaft zunächst aber nicht mitteilen: «Das ist noch Spekulation», sagt Sprecherin Nina Reininger.

Generell könne es schon vorkommen, «dass familiäre und religiös-kulturelle Hintergründe zur Ablehnung führen», erklärt der Kriminalpsychologe Rudolf Egg. Der 66-Jährige war etliche Jahre Direktor der von Bund und Ländern getragenen Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. «Solche Täter können in ihrem übrigen Leben unauffällig sein», sagt Egg. Keine Diebstähle, keine Rauschgiftdelikte. «Hier geht es um innerfamiliäre Gewalt.»

Für die Rechtsanwältin Brigitta Biehl haben solche Fälle etwas zu tun mit einem «archaischen und patriarchalischen Bild». Es gehe um das, was der Vater und die Familie Ehre nennen. «Dem wird alles untergeordnet.» Die 59-Jährige ist zweite Vorsitzende von Peri, einem Verein für Menschenrechte und Integration in Weinheim (Baden-Württemberg).

Fast 100 Frauen suchten dort jährlich Hilfe, oft, weil es wegen einer geplanten Heirat Probleme mit den Eltern gebe, so die dpa. Männer kämen bei weitem nicht so häufig. «Die haben mehr Freiräume. Da wird zu Hause schon mal ein Auge zugedrückt. Der Mann gilt als toller Hecht.» Auf Töchter werde dagegen enormer Druck ausgeübt. «Die Frauen bekommen zu hören: «Ohne Familie bist Du nichts».»

Nach Eggs Erfahrungen «kommt es auch manchmal vor, dass Söhne anstelle des Vaters handeln». Wie im Fall von Arzu Ö. Ein Bruder gestand vor Gericht die tödlichen Schüsse und erhielt wegen Mordes lebenslange Haft. Der Vater wurde wegen Beihilfe verurteilt.

Zu einem solchen Ausbruch an Gewalt innerhalb einer Familie kommt es laut Biehl «nie aus heiterem Himmel. Da gab es oft vorher Misshandlungen. Wir haben es mit traumatisierten Frauen zu tun, die bei uns Hilfe suchen.» So sieht es auch Egg. «Einer solchen Tat gehen Drohungen voraus. Betroffene müssen so etwas ernst nehmen und sich bei der Polizei Hilfe holen.»

Das sei kein einfacher Schritt, sagt Biehl: «Die Frauen wagen es nicht, ihren Eltern Vorwürfe zu machen.» Sie seien in Unfreiheit großgeworden, «in einer Erziehung aus Druck und Strafe». Wer sein Elternhaus verlasse, für den gebe es kein Zurück mehr. Biehl: «Wenn die Frauen gehen, dann gehen sie für immer.»

Mehr zum Thema:

Ehrenmord in der Türkei: 16-Jähriger wird von Familie seiner Freundin lebendig begraben
„Erster weißer Ehrenmord“: Junge Engländerin muss für Liebe zu einem Muslim sterben
Ehrenmord: Vater der Kurdin Arzu Ö. erhält Haftstrafe

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.