Der Ehrenmord an Hatun Sürücü: Gedenken an eine Tragödie

Der Mord an der Deutsch-Türkin erschüttert bis heute viele Menschen. Zehn Jahre ist es her, dass die damals 23 Jahre alte Hatun Sürücü in Tempelhof von ihrem Bruder erschossen wurde. Der Fall wurde deutschlandweit bekannt und sorgt bis heute für eine Debatte um die sogenannten Ehrenmorde.

An einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof sackte die junge Frau zusammen – getroffen von drei Kopfschüssen auf offener Straße. Ihr jüngster Bruder war der Todesschütze an dem kalten Abend des 7. Februar 2005. Die lebenslustige Deutsch-Türkin musste sterben, weil die Familie ihren selbstbestimmten westlichen Lebensstil nicht akzeptierte. Hatun Sürücü wurde nur 23 Jahre alt, sie hinterließ einen kleinen Sohn. Ihr Schicksal hatte eine bundesweite heftige Debatte über Integration und Parallelgesellschaften ausgelöst.

Heute, zehn Jahre später, ist der Mord an Hatun Sürücü noch nicht zu den Akten gelegt. Zwei Brüder sind weiter international zur Fahndung ausgeschrieben. Sie hatten sich in die Türkei abgesetzt.

Der Mörder wurde im Juli 2014 nach knapp neuneinhalb Jahren Haft nach Istanbul abgeschoben. Er habe keine Reue gezeigt, und es sei nicht zu erwarten, dass er sich in die hiesige Gesellschaft integriere, hieß es im Ausweisungsbescheid.

Zwei Brüder waren 2006 in einem ersten Prozess in Berlin aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Der Bundesgerichtshof hob die Freisprüche 2007 auf. Zu einem neuen Verfahren kam es nicht mehr, weil Mutlu und Alpaslan flohen.

Er habe den Fall nicht aufgegeben, sagt Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. Die türkische Seite hatte 2013 ein eigenes Strafverfahren gegen die Männer eingeleitet, die Berliner Staatsanwaltschaft übersandte umfangreiche Akten. Wie weit die Ermittlungen sind, sei aber unklar. «Wir haben nichts gehört», so Heilmann. Die Türkei liefert ihre Staatsbürger nicht aus.

Hatun Sürücü hatte sich nach einer Zwangsehe von ihrem ersten Mann getrennt, das Kopftuch abgelegt und ihren Sohn allein aufgezogen. Sie feierte Partys und machte eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin.

Sürücüs Schicksal stehe für viele Mädchen und Frauen, die Gewalt im Namen einer angeblichen Ehre erleiden, heißt es beim Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg. «Das ist ein sehr drängendes Problem», so Geschäftsführer Jörg Steinert. Es gebe bundesweit nach wie vor auch Zwangsverheiratungen. «Wir müssen die Familien erreichen, die Prävention muss verstärkt werden», sagt Steinert.

Erst vor wenigen Tagen sorgte der gewaltsame Tod einer 19-jährigen Deutschen mit pakistanischer Herkunft aus Darmstadt für Entsetzen. Ihr ebenfalls in Pakistan geborener Vater hat gestanden, sein eigenes Kind erwürgt zu haben. Die Mutter gab zu, bei der Tat im Zimmer der Tochter dabei gewesen zu sein. Ermittler gehen davon aus, dass den Eltern der Mann nicht gefiel, den ihre Tochter heiraten wollte.

Die Erinnerung an Hatun Sürücü sollte sich dauerhaft in Berlin widerspiegeln, fordert der Verband. «Empörung einmal im Jahr am Gedenktag reicht nicht.» Eine Schule oder andere Einrichtung könnte nach Hatun Sürücü benannt werden.

Am 7. Februar, dem 10. Todestag von Sürücü, werden an ihrem Gedenkstein in der Nähe des Tatortes wieder Blumen und Kränze niedergelegt. Auch Berlins Integrations-Senatorin Dilek Kolat (SPD) will kommen. Im Rathaus Schöneberg wird am Tag zuvor unter dem Motto «Nein zu Gewalt im Namen der Ehre» diskutiert.

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