Der Pop-Dschihad: Wie der IS mit einer kalkulierten Kommunikationsstrategie auf Beutefang geht

Starke Männer in voller Waffenmontur: Das virtuelle Bild des IS ist strategisch genau durchdacht. Wie im Pop werden Männlichkeit und Gangtum romantisiert. Die Promo-Videos der Extremisten erinnern an Hip-Hop-Musikclips und sind deswegen auch so erfolgreich.

Hip-hop ist mehr als nur Musik. Hip-Hop ist ein Lebensgefühl. Und Hip-Hop hat viele Gesichter: Auch das von Chérif Kourachi, dem Jüngeren der beiden Attentäter von Paris. Im Internet kursiert ein Video von ihm. Dort zeigt er sich im schwarzen T-Shirt, bewegt sich in wiegendem Ghetto-Gang auf einen Kumpel mit Baseball-Cap und dicker Silberkette zu. Sie klatschen sich ab, man kennt sich. Wenn sich zwei HipHopper normalerweise begegnen, ist eine beliebte Begrüßungsfloskel: „Was geht ab?“. „Einiges“, so lautet die bevorzugte Antwort. Dann „chillt“ man zusammen.

Hip-Hop und militanter Islamismus

In diesem Video sieht man Kourachi später, wie er selber Hip Hop macht. Chérif Kourachi hat sich als Hip-Hop Künstler versucht, bevor er sich radikalisierte. Was kann das bedeuten? Hip-Hop wurde vor 30 Jahren in der New Yorker Bronx erfunden und hat inzwischen die Welt erobert. Der Begriff selbst hat keine besondere Bedeutung, und niemand weiß genau, wer ihn sich ausgedacht hat. Es herrscht noch nicht mal Einigkeit darüber, was Hip-Hop genau ist: ein Musikstil, eine Moderichtung, ein seltsamer Tanz, eine Kunstform – oder alles zusammen? Sicher ist nur, dass es sich um ein globales kulturelles Phänomen handelt. Chérif Kourachi schlägt die Brücke zwischen Hip-Hop und militanten Islamismus und er ist nicht der Einzige: Der 39-jährige Denis Cuspert gehört zu den bekanntesten Mitgliedern des „Islamischen Staats“. Auch er war einmal Rapper: Vor seiner Zuwendung zum radikalen Islam hatte der Ex-Berliner als Gangsta-Rapper mit dem Künstlernamen Deso Dogg bescheidene Prominenz erlangt.

Die Dschihad-Romantik

Die Idee, dass Hip Hop Menschen radikalisieren kann ist, milde gesagt, abwegig. Nichtsdestotrotz scheint es Zusammenhänge zu geben: Die Kriegerpose des IS-Kämpfers in einem Promo-Video oder das Macho-Gehabe des Rappers in einem Musikvideo liegen näher beieinander als man denkt. Schaut man sich Promo-Videos des Islamisches Staates einmal genauer an, so wird der Zusammhang deutlicher. Das Medienunternehmen Al-Hayat produziert für den Islamischen Staat, leicht verdaulichen, gut verständlichen Pop-Dschihad für westliche Jugendliche. Alles was man aus der Welt des Hip-Hop schon kennt, trifft man hier wieder: Dunkle Sonnenbrillen, Tarnfarben, Munitionswesten, Jeeps und Siegerposen. Die Videos sind auf den westlichen Konsum zugeschnitten, die extrem schnellen Schnitte und die Spezialeffekte erinnern an Musikclips. Tatsächlich sollen hier aber mit westlicher Pop-Ästhetik Krieger rekrutiert werden. The Flames of War ist ein Rekrutierungsvideo der IS und steht für diese perfekt durchgedachte Kommunikationsstrategie. In dem Video wird traditionelle Männlichkeit gefeiert: Jeep-Konvois, flatternde Fahnen und einsame Krieger mit erhobenen Waffen. Die ständigen Explosionen erinnern an einen Hollywood-Action-Film. Wie im amerikanischen Action-Kino wird allzu explizite Gewalt aber vermieden.

Die Gewalt des IS ist real

Im Internet wird diese Dschihad-Romantik verbreitet. Die Anziehungskraft, die von diesem konstruierten Bild ausgeht, nimmt teilweise unglaubliche Formen an: Ende Oktober vergangenen Jahres hatten Sicherheitskräfte im Flughafen Frankfurt drei Mädchen aus den USA an der Weiterreise gehindert. Sie wurden verdächtigt, direkt von der Schule nach Syrien ziehen zu wollen, um sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen (mehr hier). Wenn Jungendliche dann aber wirklich in den Dschihad ziehen, finden sie reale Gewalt vor: Die Extremisten töteten gerade wieder drei Menschen. Einer von ihnen ist Muas al-Kasasba, ein jordanischer Pilot. Ein am Dienstagabend im Internet veröffentlichtes Video zeigt, wie der 26-Jährige bei lebendigem Leib verbrannt wird (mehr hier).

Einige Experten glauben dennoch nicht, dass das Internet schuld an der Radikalisierung vieler IS-Anhänger. Für den Medienwissenschaftler Bernd Zywietz vom Netzwerk Terrorismusforschung erfolgt die Radikalisierung zwar maßgeblich über das Internet „es gibt aber keine schuldigen oder unschuldigen Bilder“. In einer Diskussion im Roten Salon der Volksbühne Berlin sagte er Anfang Januar, dass die Bilder zwar von Westlern im IS für Westler produziert würden, aber die müssen sich auch dafür interessieren, aus welchen Gründen auch immer. Das Internet fungiere dabei als Verstärker, so zitiert ihn der Tagesspiegel.

Die virtuelle Radikalisierung vieler Jugendlicher in Deutschland, dieses Thema hat am Mittwoch auch den Bundestag beschäftigt: Mit dem neuen Anti-Terror-Gesetz soll künftig schon die Ausreise gewaltbereiter Islamisten nach Syrien und in den Irak unter Strafe gestellt werden. Die meisten Islamisten aus Deutschland, die sich militanten Gruppen in Syrien angeschlossen haben, sind eher ungebildet. Einer bislang unveröffentlichten Analyse im Auftrag der Innenministerkonferenz zufolge hat nur jeder vierte von ihnen einen Schulabschluss. Gemäß der Studie, die der «Berliner Morgenpost» vorliegt, brachten sechs Prozent eine Ausbildung zu Ende, ein Studium zwei Prozent (mehr hier).

Mehr zum Thema
Zurück in die Türkei: Behörden schieben Allgäuer Islamisten ab
Irak: Islamischer Staat steigt ins Wasser-Geschäft ein
Protest gegen IS-Terror: Tausende Kurden gehen in Deutschland auf die Straße

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.