Häusliche Gewalt und steigende Scheidungsraten: Türkische Paare können künftig nur noch mit Lizenz heiraten

Den steigenden Scheidungsraten und der familiären Gewalt im Land will die türkische Regierung nun mit einer neuen Verordnung begegnen. Künftige Ehepaare sollen demnach nur noch mit einer so genannten Ehe-Lizenz heiraten dürfen. Noch ist nicht klar, von welchen Bedingungen ihre Ausstellung abhängt. Es scheint jedoch wahrscheinlich, dass sie auch psychologische Tests beinhalten könnte.

Eine am vergangenen Dienstag bekannt gemachte neue Verordnung der türkischen Regierung versucht spätere Eheprobleme offenbar gleich im Vorfeld auszuschließen. Die Behörden sollen von heiratswilligen Paaren in Zukunft eine Art Ehe-Lizenz verlangen dürfen. Der jüngste Beschluss polarisiert. Einige werten ihn als richtigen Maßnahme gegen mögliche Fälle von häuslicher Gewalt, während andere die zusätzliche Bürokratie für Braut und Bräutigam kritisieren.

Die Regularien für die Eheschließung in der Türkei seien dahin gehend geändert worden, dass Brautpaare sowohl eine Ehe-Lizenz als auch eine Ehe-Erlaubnis benötigen, um den gemeinsamen Lebensweg zu beginnen, so die türkische Zeitung Sabah. Die Lizenz solle den Behörden die Ehetauglichkeit zum Zeitpunkt der Eheschließung bescheinigen. Weitere Details des neuen Dokumentes wurden allerdings nicht beschrieben.

Fachleute interpretieren das Dokument so, dass die Ehepartner in diesem zu beweisen hätten, das sie keine gewalttätige Vergangenheit oder eine psychische Krankheit hätten, die Ausbrüche von tödlicher Gewalt zur Folge haben könnten, so das Blatt weiter. Auf der anderen Seite werde jedoch befürchtet, dass der Eheschließungsprozess damit noch komplizierter würde und letztlich einen Eingriff des Staates in die Privatangelegenheiten der Menschen darstelle. Derzeit genügt es, wenn die Paare via Gesundheitscheck nachweisen können, dass sie frei von übertragbaren Krankheiten sind. 

Nach Ansicht des AKP-Abgeordneten İsmet Uçma könne die neue Regelung nun nicht nur für „gesündere Generationen und glücklichere Ehe“, sondern auch für weniger häusliche Gewalt sorgen. Seiner Ansicht nach sei eine solche Lizenz wichtig, um das Familienleben zu schützen. Seiner Ansicht nach seien die Menschen gewissenhaft, wenn es darum ginge ein Haus oder ein Auto zu kaufen. Wesentlich nachlässiger sei man jedoch, wenn es darum ging, den Lebenspartner zu wählen.

Erst kürzlich appellierte der Abgeordnete vor einem Parlamentsausschuss dafür, dass in der Türkei wieder eine Mentalität der Nachbarschaftlichkeit einziehen müsse. In kleineren Städten kenne man sich, in großen Metropolen sei das anders, so seine Argumentation. Deshalb schlage er auch vor, hier die Einrichtung von Familienberatungsstellen voranzutreiben, die mit Sozialarbeitern, Psychologen und Gemeindearbeitern besetzt werden sollten. Diese sollten den jungen Leuten beratend zur Seite stehen. Nach Meinung von Uçma müsse der Staat den künftigen Ehefrauen und Ehemännern auch Auskunft darüber erteilen, ob ihr Gegenüber zu einer Risikogruppe gehöre. Offenbar heißt ein Drittel der türkischen Männer Gewalt in der Ehe gut (mehr hier).

Ob er oder sie Vorstrafen oder eine übertragbare Krankheit habe. Was die Beteiligten mit den Informationen anfange, obliege diesen, so Uçma. Der Staat könne jedoch auch hier Hilfe wie etwa Rehabilitationsmaßnahmen anbieten, damit beide am Ende doch noch heiraten könnten.

Trotz der rechtlichen Reformen, Vorsichtsmaßnahmen und zahlreicher Bemühungen, das Thema Gewalt in der Familie einzudämmen, ist es immer noch ein großes Problem in der Türkei. Nach Angaben der türkischen Nationalpolizei wurden im Jahr 2014 ganze 118.014 Frauen Opfer von häuslicher Gewalt. 133 Frauen kamen dabei ums Leben. Darüber hinaus verloren 23 Frauen ihr Leben, während sie in vorübergehenden Vorsorgemaßnahmen der Sicherheitskräfte waren. 21 weitere wurden getötet, während sie unter dem Schutz der diensthabenden Beamten standen.  Das Projekt Panic-Button wurde kürzlich als gescheitert betrachtet (mehr hier).

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