Mammutaufgabe für Gefängnisseelsorger: Junge Muslime in Haft sind leichte Beute für Radikale

Junge Muslime, die im Gefängnis sitzen, sind für Radikale leicht zu kriegen. Seelsorger Husamuddin Meyer versucht, die Häftlinge bei ihrer Identitätssuche an die Hand zu nehmen. Wie wichtig seine Arbeit ist, zeigen die jüngsten Anschläge von Kopenhagen.

Husamuddin Meyer ist derzeit ein gefragter Mann. Nicht nur die Medien rufen auf seinem Handy ständig an. Seit den Anschlägen in Paris kommen auch viele Anfragen von Schulen oder Richterverbänden, die von dem Imam Näheres über seine Arbeit wissen wollen. Der Konvertit, als Horst Martin Meyer in Groß-Bieberau im Odenwald geboren, betreut als islamischer Gefängnis-Seelsorger muslimische Gefangene in Wiesbaden und Rockenberg. Seine Zielgruppe: Jugendliche und junge Männer, die für eine Radikalisierung etwa durch Salafisten besonders anfällig sind.

Wie wichtig diese Arbeit ist, zeigen die jüngsten Anschläge von Kopenhagen. Je mehr Details bekannt werden, desto klarer scheint: Der Attentäter hat sich im Gefängnis radikalisiert. Meyer will den jungen Häftlingen deshalb mit der Predigt oder in persönlichen Gesprächen «spirituelle Werkzeuge» zur inneren Zufriedenheit an die Hand geben. «Wir müssen vor allem den Hass bekämpfen», sagt der 46-Jährige, der selbst in der weltoffenen islamischen Sufi-Tradition steht.

Über das Interesse an seinen Angeboten ist er selbst erstaunt. Die meisten jungen Delinquenten wüssten gar nichts über den Islam. «Sie sind auf der Suche. Die Identität als Moslem wird ihnen zugeschoben», sagt Meyer. Die meisten von ihnen fühlten sich weder Deutschland noch dem Herkunftsland ihrer Familie zugehörig.

Von den rund 5000 Häftlingen in Hessen sind nach Angaben des Justizministeriums mehr als 20 Prozent muslimischen Glaubens. Unter den Jüngeren liegt der Anteil noch deutlich höher, in der JVA Wiesbaden sind es etwa 40 Prozent. In ganz Hessen sind aber nur zwei muslimische Betreuer aktiv. «Es sollte genauso wie für katholische und protestantische Häftlinge überall einen islamischen Vollzeit-Seelsorger geben», fordert Meyer, der selbst lediglich auf Honorarbasis 20 Stunden arbeitet.

Erfolgserlebnisse sind möglich, meint er. Ideologisiert seien in den Gefängnissen nur ganz wenige – «es gibt aber viele, die an der Schwelle sind». Der freundliche Imam, der mit Rauschebart und traditionellem Turban ganz dem Bild des muslimischen Vorbeters entspricht, gibt sich aber keinen Illusionen hin. Religion allein reiche nicht, sagt der studierte Islamwissenschaftler, der aus einer Lehrerfamilie kommt.

Die Häftlinge, die zu 80 Prozent keinen Schulabschluss haben, bräuchten einen Platz in der Gesellschaft. Nach der Entlassung sollten sie in islamisch organisierten Netzwerken Halt finden, schlägt Meyer vor. Ganz wichtig seien dabei Jobs – und die Anerkennung des Islams als Teil der Gesellschaft.

Meyer wurde 2007 von der JVA Wiesbaden engagiert, so die dpa. Anstaltsleiterin Hadmut Jung-Silberreis ist voll des Lobes über seine Arbeit. Mit Hilfe des Imams sei es gelungen, auch Themen wie Ehre, die Rolle der Eltern oder die Gleichberechtigung der Frau mit Häftlingen zu diskutieren. «Er leistet einen wichtigen Beitrag zur Gewaltprävention», sagt Jung-Silberreis. Ganz wichtig sei, dass Meyer Deutsch spreche.

Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann hat jetzt die Gelder für die muslimische Seelsorge auf 110 000 Euro im Jahr aufgestockt. Mehr als eine Verdoppelung, sagt die CDU-Politikerin.

Für Meyer ist dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vor allem, weil in Hessen zahlreiche Verfahren gegen «Dschihad»-Rückkehrer anhängig sind, die in Syrien gekämpft haben. Werden sie verurteilt, könnten sie in der JVA landen – wie in Wiesbaden. Der Seelsorger spricht von einer «kleinen Zeitbombe». «Nicht jeder, der zurückkehrt, ist aber radikal», sagt Meyer. Viele seien traumatisiert und wollten nichts mehr vom Kämpfen wissen.

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