Özgecans Vater: Die Todesstrafe in der Türkei ist keine Lösung

Vier Tage nach dem Auffinden der toten Özgecan Aslan mahnt ihr Vater nun zur Besinnung. Der brutale Mord an seiner Tochter hat eine Debatte über die Wiedereinführung der Todesstrafe in der Türkei entfacht. Eine Lösung ist sie seiner Ansicht nach nicht. Die Veränderung müsse vielmehr in den Köpfen beginnen.

Sollten brutale Verbrechen wie das an der 20-jährigen Studentin Özgecan Aslan künftig wieder mit der Todesstrafe geahndet werden? Etwas mehr als eine Dekade nach ihrer Abschaffung in der Türkei haben hiesige Politiker das Thema nun erneut zur Sprache gebracht. Für den Vater der Ermordeten machen solche Debatten keinen Sinn.

[Die Todesstrafe] möge zurück kommen, um [von Verbrechen] abzuschrecken, aber sie ist keine Lösung. (…) Die Menschen sollten stattdessen lernen, sich selbst zu kontrollieren“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet Mehmet Aslan, der auch nach den furchtbaren Ereignissen offenbar nach wie vor an das Gute glauben möchte. „Das Einzige, was wir verlangen, ist, dass der Gerechtigkeit genüge getan wird.“ Die Täter sollten die Strafe bekommen, die sie verdienten, so auch die Mutter der Getöteten, Songül Aslan.

In den vergangenen Tagen sprachen sich einige türkische Politiker für eine neue Diskussion um die Todesstrafe in der Türkei aus. So kündigte etwa die türkische Familienministeriun Ayşenur İslam nach dem Besuch der Familie des Mordopfers an, dass die  Wiedereinführung der Todesstrafe bald wieder auf die Tagesordnung kommen könnte. Ich glaube, dass Verbrechen gegen Menschen mit der Todesstrafe geahndet werden könnten. [Ich sage dies] nicht als Ministerin, sondern als eine Mutter und Frau.“ Man denke jedenfalls darüber nach, wieder  über das Thema zu sprechen.

Nicht nur die Familienministerin hat sich in den Tagen nach dem Auffinden des Mordopfers derart geäußert. Wirtschaftsminister Nihat Zeybekçi war der erste, der eine mögliche Rückkehr der Türkei zur Todesstrafe kommentierte. „Wir müssen über die Todesstrafe für Verbrechen diskutieren, wenn Menschen ermordet werden, wie im Mordfall Özgecan Aslan“, so der Minister (mehr hier).

Unter dem Druck der Europäischen Staatenvereinigung stimmte das türkische Parlament im August 2002 der Abschaffung der Todesstrafe in Friedenszeiten zu und kündigte an, Todesurteile auf Grund terroristischer Straftaten zukünftig in lebenslange Haftstrafen umzuwandeln. Ende des Jahres 2003 schaffte die Türkei die Todesstrafe dann auch in ihrem Militärgesetz ab. Im Januar 2004 wurde der entsprechende Vertrag vom türkischen Parlament unterzeichnet.

Unterdessen äußerste Premier Ahmet Davutoğlu die Hoffnung, dass das Verbrechen zu einem „Bewusstseinswandel“ in der Gesellschaft führen werde und dieser das Leben von Frauen künftig schützen könnte. Entsprechend lobte er die besonnene Reaktion des Vaters von Özgecan Aslan. Davutoğlu zufolge würde gerade ein neuer Aktionsplan zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen vorbereitet werden.

Betroffen zeigte sich auch die Mutter des 26-jährigen Tatverdächtigen Ahmet Suphi Altındöken, Naciye Tan. Gegenüber den türkischen Medien erklärte sie, die Sorgen der Familie des Opfers zu teilen und diese gerne treffen zu wollen. Sie selbst hätte unter Altındökens Vater Gewalt erfahren. „Kein Kind wird als Mörder, Dieb oder Terrorist geboren. Jeder kommt als Engel zur Welt. Es sind viele Dinge, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist.“ Sie selbst habe ihr Kind nicht schützen können. Der Vater habe zur Gewalt geneigt. Mittlerweile seien sie seit Jahren getrennt. Sie selbst habe nicht gewollt, dass ihre Kinder unter diesem Vater aufwachsen. Sie habe diese Gewalt erfahren, habe jedoch niemandem davon erzählen können. „Ich weiß, dass mein Sohn nicht das Recht hat, irgendjemanden zu töten. Das werde ich nie akzeptieren können. Ich habe ihn seither nicht mehr gesehen.“

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