Umfrage unter Türken: Deutschland ist das größte Hindernis für EU-Beitritt der Türkei

Derzeit glauben offenbar nur 34 Prozent der türkischen Bevölkerung an einen EU-Beitritt ihres Heimatlandes. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie zur Wahrnehmung der EU durch das türkische Volk. Einen Hauptschuldigen an der derzeitigen Situation scheint es für die Umfrageteilnehmer ebenfalls zu geben: Sie sehen Deutschland als größtes Hindernis für eine EU-Mitgliedschaft.

Aus der vierten Panelstudie der Türkisch-Europäischen Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung (TAVAK) unter der Leitung von Prof. Dr. Faruk Şen ging hervor, dass 34 Prozent der Befragten glauben, dass die Türkei ein EU-Mitglied werden wird, während 61 Prozent jedoch nicht davon überzeugt sind. Mit Blick auf die vergleichbare Studie von 2013, in welcher nur 19 Prozent der Befragten an eine Mitgliedschaft glaubten, sei dies eine deutliche Zunahme von EU-Optimisten, heißt es von Seiten TAVAK.

In den Befragungen der vergangenen drei Jahre hätten 2012 17 Prozent daran geglaubt, dass die Türkei ein Vollmitglied der EU werde. Im Jahr 2013 hätten 19 Prozent daran geglaubt. Dahingegen sei die Zahl dieses Jahr zum ersten mal auf 34 Prozent gestiegen. Dieser Wert sei in etwa mit den Ergebnissen der Befragung aus dem Jahr 2011 zu vergleichen.

Als mögliche Gründe für den deutlichen Stimmungsaufschwung innerhalb der türkischen Bevölkerung gibt Prof. Dr. Faruk Şen an, dass die EU gegenüber den Kriesejahren 2011-13 wieder an wirtschaftlichem Wachstum gewonnen habe, während die Türkei an Wachstum verloren und dadurch Selbstbewusstsein für ihre Unabhängigkeit eingebüsst hätte. Entsprechend antworteten auch auf die Frage, ob die Türkei wirtschaftlich gesehen auf die EU angewiesen sei, mit 64 Prozent eine steigende Anzahl der Befragten mit „ja“, heißt es in einer den Deutsch Türkische Nachrichten vorliegenden Mitteilung.

Ein weiteres interessantes Ergebnis sei es TAVAK zufolge, dass der Großteil der Studienteilnehmer Deutschland als das Land angebe, welches das größte Hindenis für eine EU-Mitgliedschaft darstelle. „Im Vergleich zum Vorjahr ist der Anteil derjenigen, die Deutschland als Haupthürde sehen, allerdings gesunken. Hingegen es im Jahr 2013 64% waren, sind es aktuell nur noch 59% der Befragten, die Deutschland als Hindernis sehen“, heißt es hierzu weiter.

Als Gründe für die zurückhaltende Meinung vieler EU-Länder gegenüber dem EU-Beitritt der Türkei hätten die Befragten vor allem weit verbreitete Islamophobie, als auch Defizite in der Entwicklung in der Türkei angegeben. Das Fazit von TAVAK: „Insgesamt gibt es unter der türkischen Bevölkerung also gemischte Meinungen darüber, ob die Stagnation in den Beitrittsverhandlungen eigen- oder fremdverschuldet ist.“

Und wie steht es aktuell mit den Alternativen in der Wahrnehmung der türkischen Bevölkerung? Auf die Frage „Was ist die wichtigste Alternative zur EU für die Türkei?” antworteten 13 Prozent die BRICKS-Staaten, 15 Prozent gaben an, eine Vereinigung Islamischer Staaten sei für sie die beste Alternative. Während zwölf Prozent der Befragten die Meinung vertraten, dass eine ökonomische Vereinigung der Schwarzmeerstaaten die beste Alternativlösung darstelle, gaben 21 Prozent an, dass sie sich als Alternative eine Shanghai-Kooperation wünschen würden, heißt es von Seiten der TAVAK. 13 Prozent halten demnach eine Kooperation unter Nachbarländern unter der Leitung von Russland als beste Lösung. Als Letztes gaben 43 Prozent der Befragten an, dass eine unabhängige Türkei die beste Lösung darstelle.

2012 lieferte die Deutsch-Türkische Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung (TAVAK) alarmierende Werte. Der Prozentsatz der Leute, die der Meinung waren, dass die Türkei eines Tages Teil der Europäischen Union wird, stürzte damals binnen eines Jahres von 34,8 auf nur noch 17 Prozent ab. Die Frage, ob die Türkei EU-Mitglied werden solle oder nicht, beantworteten lediglich 17 Prozent mit Ja. 78 Prozent der Befragten gaben darauf eine negative Antwort. Auch eine Variation der Frage brachte kein deutlich anderes Ergebnis. Denn noch einmal danach gefragt, ob die Türkei vielleicht erst in zehn Jahren beitreten sollte, antworteten wiederum 15 Prozent mit Ja und ganze 76 Prozent mit Nein (mehr hier).

Die Gründe für diese zunehmende Ablehnung seien vor allem in der europäischen Wirtschaftskrise zu suchen, so TAVAK-Chef Faruk Sen zu jener Zeit. „Die türkischen Wachstumszahlen der vergangenen Jahre haben den Glauben der Menschen an eine Vollmitgliedschaft schwinden lassen.“ Dass der negative Trend hauptsächlich auf die negative Haltung Frankreichs und Deutschlands zurückzuführen sei, glaubte er damals hingegen nicht. Dennoch: Einige Umfrageteilnehmer hatten angegeben, dass für sie Frankreich das führende Land sei, dass der Türkei hier Steine in den Weg legen würde. Genannt wurden in diesem Zusammenhang auch Deutschland, Griechisch-Zypern und Griechenland. Der türkische Premier hatte vor drei Jahren Sarkozy und Merkel aus die Hauptschuldigen ausgemacht (mehr hier). Sen schlug 2012 vor, einen aggressiveren Kurs einzuschlagen, um diesen Trend umzukehren. So sollte die Regierung beispielsweise mehr dafür tun, um der Bevölkerung die Vorteile eines EU-Beitritts, wie etwa Reisefreiheit oder Zugang zu EU-Mitteln, näher zu bringen. Mit wenig Erfolg, waren die Werte für 2013 doch nur geringfügig besser (mehr hier).

Die aktuelle Umfrage wurde zwischen dem 20. Dezember 2014 und dem 10. Januar 2015 durchgeführt. Insgesamt wurden eigenen Angaben zufolge 1180 Teilnehmer in den türkischen Städten Istanbul, Ankara, Izmir, Trabzon, Bursa und Antalya mittels der telefonischen Cati-Technik befragt.

Mehr zum Thema:

Überflüssige Beitritts-Verhandlungen: Türkei und EU passen nicht zusammen
Schwindendes Beitritts-Interesse der Bürger: Türkischer Minister macht EU-Staaten verantwortlich
„Die wollen uns nicht!“ Istanbuls Menschen hadern mit dem EU-Beitritt

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.