„Beihilfe zum Völkermord“: Autor wirft Deutschland Mitschuld vor

Vor hundert Jahren nahmen die Gräueltaten an den Armeniern im Osmanischen Reich ihren Lauf. Ein deutscher Autor und Journalist hat sich nun mit der Rolle Deutschlands auseinandergesetzt. Seiner Ansicht nacht kann davon ausgegangen werden, dass deutsche Militärs an der Organisation der Deportationen beteiligt waren.

Hundert Jahre nach den Gräueltaten an den Armeniern in der Türkei hat der Autor und Journalist Jürgen Gottschlich Deutschland «Beihilfe zum Völkermord» vorgeworfen. Eindeutig belegt sei, dass deutsche Militärs und Diplomaten im Osmanischen Reich von Massakern gewusst und die Vertreibung der Armenier gutgeheißen hätten, sagte Gottschlich der Deutschen Presse-Agentur in Istanbul. Das Buch «Beihilfe zum Völkermord» des Türkei-Korrespondenten der Berliner «tageszeitung» («taz») erschien am Donnerstag.

Gottschlich kritisierte, dass sich Deutschland bislang kaum mit seiner Rolle bei der Vertreibung der Armenier auseinandergesetzt habe. Zwar fehle in den ausgewerteten Dokumenten «der rauchende Colt», der eine aktive deutsche Beteiligung beweisen würde. «Aber die Indizienkette ist so dicht, dass man davon ausgehen kann, dass deutsche Militärs an der Organisation der Deportationen beteiligt waren.» Viele Dokumente aus der Zeit lagerten im Archiv der Armee in Ankara und seien für Außenstehende nicht einsehbar.

Gottschlich sprach sich dafür aus, dass die Bundesregierung erstmals ein ranghohes Mitglied zu der Gedenkfeier am 24. April in der armenischen Hauptstadt Eriwan entsenden sollte. «Das ist nach hundert Jahren sicher überfällig.» Auch müsse die Vertreibung der Armenier und die deutsche Beteiligung daran in Schulbüchern thematisiert werden, in denen diese Themen bislang kaum eine Rolle spielten. Wünschenswert sei zudem eine stärkeres Engagement Deutschlands, um die Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien zu verbessern.

Armenier auf der ganzen Welt gedenken am 24. April des Beginns der Vertreibung aus dem Osmanischen Reich im Jahr 1915. Die armenische Regierung geht davon aus, dass damals 1,5 Millionen Menschen ums Leben kamen. Die armenische Diaspora und die Regierung in Eriwan fordern, dass die Türkei die Vertreibung als Völkermord anerkennt. Ankara lehnt dies strikt ab. Auch Deutschland vermeidet das Wort Genozid in diesem Zusammenhang. Das Osmanische Reich und das Deutsche Reich waren im ersten Weltkrieg Bündnispartner.

Im Jahr 1914 drängt das Deutsche Reich das bereits geschwächte Osmanische Reich in den Ersten Weltkrieg. Heute ist kaum noch bekannt, wie eng Deutsche und Türken verbündet gewesen sind, so die dpa. Als Chef der deutschen Militärmission wird General Otto Liman von Sanders 1914 nach Konstantinopel (heute Istanbul) entsandt. Sein Stellvertreter, Fritz Bronsart von Schellendorf, wird Generalstabschef des Osmanischen Heeres. Zahlreiche weitere deutsche Offiziere übernehmen Führungsaufgaben in den osmanischen Streitkräften. Ein zeitgenössisches Propagandabild mit dem Titel «Bündnistreue» zeigt den Handschlag eines deutschen und eines türkischen Soldaten.

Die Armenier im Osmanischen Reich sehen sich bald dem Vorwurf ausgesetzt, die Kriegsgegner zu unterstützen. Die Festnahme und anschließende Verbannung armenischer Führungspersönlichkeiten in Konstantinopel am 24. April 1915 markiert den Beginn der Gräueltaten gegen die christliche Minderheit. Zwar gibt es deutsche Offiziere und Diplomaten, die Armenier (meist erfolglos) zu schützen versuchen. Aus den von Gottschlich ausgewerteten Dokumenten geht aber eindeutig hervor, dass viele Deutsche nicht nur von den Massakern wissen, sondern dass einige sie sogar befürworten. Selbst Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg weiß Bescheid – und unternimmt nichts.

Der deutsche Marineattaché Hans Humann schreibt in einem Vermerk im Juni 1915: «Die Armenier werden – aus Anlass ihrer Verschwörung mit den Russen! – jetzt mehr oder weniger ausgerottet. Das ist hart, aber nützlich.» Im Monat darauf notiert der deutsche Chef der türkischen Flotte, Admiral Wilhelm Souchon, in seinem Tagebuch: «Für die Türkei würde es eine Erlösung sein, wenn sie den letzten Armenier umgebracht hat, sie würde dann die staatsfeindlichen Blutsauger los sein.»

Der einstige Operationschef des türkischen Heeres, Otto von Feldmann, räumt 1921 – also lange nach Kriegsende – in einem Zeitungsbeitrag ein: «Es soll und darf aber nicht geleugnet werden, dass auch deutsche Offiziere – und ich selbst gehöre zu diesen – gezwungen waren, ihren Rat dahin zu geben, zu bestimmten Zeiten gewisse Gebiete im Rücken der Armee von Armeniern frei zu machen.»

Nachdem im Oktober 1915 ein Deportationsbeschluss von einem deutschen Offizier mitunterzeichnet wird, schreibt der Chef der Bagdadbahn, Franz Günther, an Staatssekretär Gottlieb von Jagow im Auswärtigen Amt: «Denn die Unterschrift eines Mitglieds der deutschen Militärmission beweist, dass die Deutschen nicht nur nichts getan haben, um die Verfolgung der Armenier zu verhindern, sondern stattdessen verschiedene Befehle dazu von ihnen ausgegangen sind und unterzeichnet wurden.»

Vorstöße von Diplomaten, mäßigend auf das Osmanische Reich einzuwirken, bügelt Reichskanzler von Bethmann Hollweg persönlich ab. Ans Auswärtige Amt schreibt er Ende 1915: «Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht.»

Gottschlich hat jahrelang zur Vertreibung der Armenier recherchiert – unter schwierigen Bedingungen, denn das Thema ist in der Türkei immer noch mit Tabus behaftet. Er nennt die deutsche Rolle dabei «das dunkelste deutsche Kapitel im Ersten Weltkrieg». Und der Autor bemängelt: «Dass vor dem Genozid an den europäischen Juden im 20. Jahrhundert schon einmal ein Menschheitsverbrechen stattgefunden hatte, an dem deutsche Soldaten und Diplomaten mittelbar beteiligt waren, ist bis heute vielen Deutschen kaum bewusst.»

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