Verdrehte Wahrnehmung: AKP-Abgeordneter macht TV-Serien für steigende Vergewaltigungszahlen verantwortlich

Der Mord an Özgecan Aslan hat nicht nur neuerliche Debatten in der türkischen Gesellschaft entfacht. Auch in der Politik begibt man sich auf Ursachensuche. Ein AKP-Abgeordneter kommt nun zu dem Schluss, dass türkische Seifenopern für die Zunahme an Vergewaltigungen im Land verantwortlich zu machen sind. Der Grund: Diese Formate zerstörten die türkischen Familienstrukturen.

Aufgestellt wurde die streitbare These zur steigenden Verbrechensrate gegen Frauen vom türkischen AKP-Abgeordneten İsmet Uçma. Es ist nicht seine erste Aufsehen erregende Wortmeldung in den vergangenen Tagen.

Es würden Serien gedreht, die keine Grenzen in den Beziehungen kennen, so der Politiker, der unter anderem auch Mitglied der parlamentarischen Kommission zur Untersuchung der Gründe für die Gewalt gegen Frauen ist. „Und dann beschwert man sich über die Zunahme an Vergewaltigungen. Was haben Sie erwartet? Wer Wind säht, wird Sturm ernten“, zitiert ihn die türkische Zeitung Hürriyet während eines Panel-Meetings am 18. Februar.

Erst vor kurzem gelangte der Name Uçma aufgrund kontroverser Vorschläge über die soziale und familiäre Ordnung in die türkischen Medien. Erst kürzlich appellierte der Abgeordnete vor einem Parlamentsausschuss dafür, dass in der Türkei wieder eine Mentalität der Nachbarschaftlichkeit einziehen müsse. In kleineren Städten kenne man sich, in großen Metropolen sei das anders, so seine Argumentation. Deshalb schlage er auch vor, hier die Einrichtung von Familienberatungsstellen voranzutreiben, die mit Sozialarbeitern, Psychologen und Gemeindearbeitern besetzt werden sollten. Diese sollten den jungen Leuten beratend zur Seite stehen. Nach Meinung von Uçma müsse der Staat den künftigen Ehefrauen und Ehemännern auch Auskunft darüber erteilen, ob ihr Gegenüber zu einer Risikogruppe gehöre.

Tage später wurde eine neue Verordnung zum türkischen Ehe-Recht bekannt, die nun die Vorlage einer Lizenz vorsieht (mehr hier). Nach Meinung des AKP-Abgeordneten İsmet Uçma könne die neue Regelung nun nicht nur für „gesündere Generationen und glücklichere Ehe“, sondern auch für weniger häusliche Gewalt sorgen. Seiner Ansicht nach sei eine solche Lizenz wichtig, um das Familienleben zu schützen.

Nach Uçmas Ansicht sei der einzige Weg zur Beendigung der Gewalt jener, die Familie zu stärken und die Menschen im Einklang mit den vermeintlichen Werten der türkischen Gesellschaft zu erziehen.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Jahren einen Anstieg männlicher Gewalt gegen Frauen. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des unabhängigen Portals «Bianet» 281 Frauen von Männern ermordet. Im Jahr 2013 waren es 214 Opfer. Teil des Problems sei ihrer Ansicht nach jedoch, dass Politiker der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP sich immer wieder sexistisch äußerten. Dass sowohl Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan als auch Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu den Mord an Aslan scharf verurteilten, ändert für die 49-Jährige nichts am Grundproblem. «Die Politik mischt sich von der Geburt bis zum Tod in das Privatleben der Frauen ein. Doch sie unternimmt zu wenig, um sie zu schützen.» So gebe es zwar ein Gesetz zum Schutz von Frauen gegen männliche Gewalt, es werde jedoch selten angewendet (mehr hier).

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