Untersuchung: Mehrheit der türkischen Mädchen über 15 kennt bereits Gewalt

Die Mehrheit der türkischen Frauen über 15 Jahren war in ihrem Leben bereits sexueller oder körperlicher Gewalt ausgesetzt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle behördliche Umfrage. Ihren Peiniger kannten die meisten von ihnen nur allzu gut.

Kurz nachdem die Türkei erneut durch zwei Morde an Frauen aufgeschreckt wurde, veröffentlichte die Generaldirektion für Sicherheit den erschütternden Befund. Gewalt scheint für das Gros der türkischen Frauen ab frühester Jugend ein reales, bedrohliches Thema zu sein.

Gewalt würden sowohl die verheirateten als auch die alleinstehenden Frauen demnach vor allem durch Männer erfahren, die aus ihrem direkten Umfeld stammten, so die türkische Zeitung Hürriyet. Es seien die eigenen Partner, ihre Familien, Ehemänner, ihre Angehörigen und Personen aus der Schule oder vom Arbeitsplatz.

Die Untersuchung brachte auch entscheidende Informationen über das Niveau der sexuellen Gewalt gegen junge Mädchen zutage. Demnach hätten sieben Prozent der Frauen angegeben, dass sie bereits sexueller Gewalt ausgesetzt gewesen wären, als sie noch keine 15 Jahre alt waren. Rund 30 Prozent der Frauen, die das Abitur oder einen Hochschulabschluss haben, sagten, dass sie entweder physischer oder sexueller Gewalt in ihrem Leben ausgesetzt gewesen wären. Gut 39 Prozent der verheirateten Frauen wurden körperlicher Gewalt ausgesetzt, während 15 Prozent der verheirateten Frauen landesweit Opfer sexueller Gewalt waren. Die Rate der emotionalen Gewalttaten gegen Ehefrauen sei sogar noch höher und läge bei 44 Prozent.

Fast ein Viertel der befragten Frauen gaben an, dass ihr Ehemann oder Partner ihnen nicht erlaubt habe zu arbeiten. Rund 23 Prozent der Frauen gaben an, ihre Ehemänner oder Partner zwangen sie, ihren Job aufzugeben und hinderten sie daran, zu arbeiten.

Vor rund zwei Wochen hatte der Sexualmord an der Studentin Özgecan Aslan wütende Proteste ausgelöst. Am vergangenen Freitag fand die Polizei nun die Leiche der 59-Jährigen in einem verlassenen Haus in der südosttürkischen Provinz Kahramanmaras auf. Die Frau war vor 40 Tagen als vermisst gemeldet worden. Die 59-Jährige wurde von ihrem Täter brutal hingerichtet (mehr hier).

Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Jahren einen Anstieg männlicher Gewalt gegen Frauen in der Türkei. Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des unabhängigen Portals Bianet 281 Frauen von Männern ermordet. Im Jahr 2013 waren es 214 Opfer. 34 Prozent der türkischen Männer glauben derweil, dass Gewalt gegen Frauen „gelegentlich notwendig“ ist. 30 Prozent sind der Ansicht, dass Gewalt, wenn es einen Grund gibt, akzeptabel sei. Zu diesem erschütternden Ergebnis kam eine Umfrage im Jahr 2013, an der sich 3500 türkische Männer in sieben Städten beteiligten (mehr hier).

Die Zahl der Frauen, die auf Grund von geschlechtsspezifischer Gewalt sterben, übersteigt mittlerweile die Anzahl der Frauen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren, die durch Krebs, Verkehrsunfälle, Kriege oder etwa Malaria ihr Leben verlieren. Zu diesem Ergebnis kam auch eine bereits im Jahr 2012 veröffentlichte Studie (mehr hier).

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